Von Michael Jungblut

Trotz aller beruhigenden Reden von Bundeswirtschaftsminister Friderichs – die Angst vor einem kalten Winter geht immer noch um. Die Nachrichten aus unseren Nachbarländern sind auch nicht gerade geeignet, die Gemüter zu beruhigen: Den Niederlanden droht ein arabischer Lieferboykott; Frankreich und Spanien mußten die Benzinpreise drastisch erhöhen; in Großbritannien wurde, wie in längst vergessenen Kriegszeiten, eine Rationierung verordnet.

Dennoch darf man den Versicherungen der Bundesregierung Glauben schenken: Eine akute Versorgungskrise droht nicht. Die Vorräte reichen bei normalem Verbrauch für über 60 Tage, außerdem fließt auch weiterhin Öl in ausreichender Menge in die Bundesrepublik. Dagegen werden sich Preiserhöhungen für Mineralölprodukte nicht vermeiden lassen. Außer den höheren Preisforderungen der Araber und anderer Ölländer trieben auch Panikkäufe der Verbraucher die Preise in die Höhe. Mit Appellen an die Vernunft ist offenbar gegen den Eichhörnchen-Instinkt wenig auszurichten.

In dieser Situation einen Preisstopp für Mineralölprodukte zu fordern – wie es beispielsweise der Mieterbund getan hat – ist allerdings auch nicht gerade ein Zeichen besonderer Einsicht. Etwas Dümmeres könnte die Bundesregierung in der gegenwärtigen Situation kaum tun. Denn einmal verderben steigende Preise den Hamstern die Lust an übertriebenen Vorratskäufen. Zum anderen fließt das knappe Öl natürlich zuerst in die Länder, wo der höchste Preis dafür gezahlt wird. Wer in einer kalten Wohnung sitzt, dem nützen gestoppte Heizölpreise wenig.

Mit solchen dirigistischen Eingriffen läßt sich überdies gegen die Ursache des Übels – die weltweite Knappheit an Mineralölprodukten – nichts ausrichten. Es wäre ein Irrtum anzunehmen, daß es sich bei den Preissteigerungen nur um eine vorübergehende Folge des Nahostkonflikts handelt. Er lieferte den Arabern lediglich einen Vorwand für längst geplante Maßnahmen – denen sich Länder wie Venezuela, die vom Krieg in Nahost gar nicht berührt wurden, sogleich anschlössen. Die Herren der Ölquellen werden auch in Zukunft die Rohölmengen beschränken und die Preise diktieren. Solange in den meisten Industrieländern die Steuern auf Benzin weit höher sind als der Preis des Produkts, wird auch niemand den Arabern einreden können, ihre Forderungen seien zu hoch.

Den Ölländern kann auch gar nicht daran gelegen sein, daß ihr flüssiger Reichtum im Rekordtempo aus dem Boden gepumpt wird. Bei der Geschwindigkeit, mit der beispielsweise das libysche Öl Ende der sechziger Jahre gefördert wurde, wären die Vorräte in knapp zwei Jahrzehnten erschöpft gewesen. Nach einem vorübergehenden Geldsegen, der so rasch gar nicht vernünftig verwendet werden könnte, wäre das Land in seine alte Bedeutungslosigkeit zurückgefallen. Die Araber haben erkannt, daß es für sie vorteilhafter ist, die Produktion zu drosseln, statt sie dem ständig wachsenden Energiehunger in den Industrieländern bereitwillig anzupassen. Dabei brauchen sie nicht einmal auf Einnahmen zu verzichten. Solange sie dafür sorgen, daß das Öl knapp bleibt, machen Preiserhöhungen keine Schwierigkeiten.

So ärgerlich die gegenwärtigen Preissteigerungen sein mögen – sie sind ein notwendiges Warnsignal. Allzu unbekümmert wurde bisher in den Industrieländern mit den begrenzten Mineralölvorräten der Welt gewirtschaftet. Gegen Energieverschwendung aber gibt es kein wirkungsvolleres Mittel als steigende Preise. Auch die Suche nach neuen Energiequellen und nach neuen technologischen Möglichkeiten zum Einsatz des heimischen Energieträgers Kohle oder des bisher unrentablen Ölschiefers werden dadurch beschleunigt.