Schlabber-Look wird salonfähig

Von Cornelie Sonntag

Daß Jeans abgewetzt aussehen müssen, weiß, wer auf sich hält, schon längst. Inzwischen aber durchdringt das Evangelium der Schäbigkeit so ziemlich alle modischen Bereiche, von der Bluse bis zum Barhocker.

Zur Sommersaison hatte die Oberbekleidungsindustrie vergeblich versucht, das lang geschmähte Kleid wieder hochzujubeln – statt dessen registrierten verblüffte Branchenkenner ein anderes, seltsames Comeback: Zweieinhalb Jahre, nachdem der Maxi totgesagt worden war, streiften wieder Säume das heiße Pflaster: Bodenlange Bauernröcke waren der große Renner, mit schlecht verputzten Nähten und Zickzackrändern, bunte Banner bewußter Bohème. Jetzt, zu Beginn der kalten Jahreszeit, kommt die saisonbedingt wärmende Variante auf: Röcke aus derbem Tuch, mal mit Fransen, mal exotisch gemustert; wie Indianerdecken, die man um die Hüften windet. Eben sind Jeansmäntel mit Pelz- und Teddyfutter in den Boutiquen eingetroffen: Kein noch so frostiger Monat führt an dem vergötterten blauen Stoff vorbei. Mit anderen Worten: Auch Mode, die nicht auf Laufstegen gehandelt wird, bringt Gewinn.

Viele Läden bieten nichts mehr an, was unbenutzt, glatt und glänzend aussieht. Bezeichnend ist: Geschäfte, die das Schäbige verkaufen, finden sich meist nicht in den eleganten Straßen der traditionellen Einkaufsviertel der City, sondern eher in Altbauwohngebieten, wo sich junge Leute heute besonders gern ansiedeln; und dort wiederum gern in Souterrains, hinter bunt, doch möglichst dilettantisch gestrichenen Türen – der Laden als anheimelnde Höhle, in Dämmerlicht getaucht; ein uriges Kellergewölbe, in dem es – bitteschön – auch muffig riechen darf.

Dort tasten Studenten sinnend über genoppte Flickenteppiche und überlegen, ob sie sie als Bett- oder als Tischdecke verwenden sollen; da dreht sich, eine Siebzehnjährige in einer krumpeligen Bluse mit verblichenem Würfelmuster vor dem Spiegel und vermag nicht zu sagen, warum sie ihr gefällt; dort bedauert ein Jüngling, daß ihm das eben probierte pakistanische Hemd in den Schultern zu weit sei – die Verkäuferin weiß Rat: „Kommen Sie noch mal vorbei, ich ziehe die Dinger mal durch die Waschmaschine.“

Die Ware ist nicht mehr unantastbar, man kann zugeben: Sie wird sich verändern, wird schrumpfen – es ist fast ein Qualitätsmerkmal. Manche solcher Läden gibt es schon seit Hippiezeiten; jetzt aber trauen sich auch Angepaßte hinein. Kleidung muß nicht mehr teuer aussehen und dabei wenig kosten – es kann auch umgekehrt sein; nur müssen die Bekannten wiederum wissen, daß, was billig wirkt, doch kostspielig war.