Sachlich sollen die Nachrichten sein, das macht sie spröde

Von Rolf Küffner

Nachrichtensendungen werden mit einer Selbstverständlichkeit eingeschaltet wie wohl keine andere Sendung. Doch es häufen sich soziolinguistische Analysen und Attacken, immer stärker wird der Ruf nach allgemeinverständlichen, kritischen, präzisen Meldungen. Und vielleicht hat Bundespräsident Heinemann tatsächlich vielen Bürgern dieses Staates aus dem Herzen gesprochen, als er kürzlich die Nachrichtensendungen von Hörfunk und Fernsehen eines übermäßigen Gebrauchs von Fremdwörtern bezichtigte. Schließlich gibt es Statistiken, wonach gut die Hälfte der Hörer und Zuschauer die Nachrichten nicht verstehen. Heinemann sagte, es handele sich „um nichts Geringeres als um den mir wichtig erscheinenden Auftrag, die Sprachkluft zwischen den sogenannten gebildeten Schichten und den breiten Massen unserer Bevölkerung zu überwinden, die für eine Demokratie so gefährlich ist...“

Wer es aber lieber auf soziolinguistisch hört, wie man für ein schlichtes Deutsch streitet, dem sei es mit den Worten Annamaria Rucktäsciels wiederholt: „Angesichts der evidenten Präformierung sprachlicher Kompetenzen – sowohl der aktiven als auch der rezeptiven – durch soziale Determinanten erscheinen die Praktiken von Rundfunk- und Fernsehanstalten bei der Abfassung von Nachrichten als schlechthin unsozial.“ (Vorwort zu dem Aufsatzband „Sprache und Gesellschaft“ in der Reihe „Uni-Taschenbücher“.)

Der Verdacht von links, Nachrichten seien Chiffren für die Herrschenden und für eine elitäre Clique von Eingeweihten, sie zementierten unter dem Vorwand der Sachlichkeit die gesellschaftlichen Zustände und verschleierten die wahren Machtverhältnisse – dieser Verdacht wird erhärtet, legt man nur die Gleichung „gebildet gleich herrschend“ zugrunde. Das Hauptübel hat der Bundespräsident formuliert, in einer undramatischen, aber vielleicht gerade deshalb so eindringlichen Sprache. Den Nachrichten wird aber auch nachgesagt, sie trieben einen hemmungslosen Personenkult, indem sie jeden Huster der Minister und Prominenten wiedergeben, den ganzen Bereich sozialer Vorgänge, der mehr im Verborgenen liegt, aber unbeachtet lassen. Vom kulturellen Leben ganz zu schweigen, das praktisch nur in den Nachrichten vorkommt, wenn es einen kulturellen Leichnam zu vermelden gibt.

Die Semantik lehrt uns, daß es zwei Ursachen dafür geben kann, wenn wir nicht verstehen, was mit einem bestimmten Wort gemeint ist: entweder weil uns das Wort selbst nicht bekannt ist, das einen bestimmten Sachverhalt bezeichnen soll, oder weil wir den Sachverhalt nicht kennen. Erst müßte man also einmal genau untersuchen, auf welche der beiden Ursachen die größere Verständigungsschwierigkeit zurückzuführen ist, bevor man gegen den Gebrauch von Fremdwörtern wettert und die Journalisten bezichtigt, fahrlässig oder gar vorsätzlich so zu schreiben, daß nur eine Elite etwas davon hat. Wer den Unterschied zwischen Bundesrat und Bundestag nicht kennt, der braucht kein Fremdwort mehr, um am Verständnis einer Nachricht gehindert zu werden. Ich glaube auch nicht, daß es sehr viele Menschen mehr gibt, die wissen, was mit dem Wort „Bandbreite“ gemeint ist, als Menschen, die erklären können, was „Floating“ (also ein verständniserschwerendes Fremdwort) bedeutet.

Man kann zwar (und das geschieht auch regelmäßig) einer Nachricht einen knappen Erläuterungssatz beifügen, aber man kann nicht zehn- oder zwanzigmal am Tag, wann immer Nachrichten gesendet werden, die Befugnisse des Bundestags gegen die des Bundesrats abgrenzen, in die Geheimnisse unseres Währungssystems einführen, aufzählen, wer alles zur Europäischen Gemeinschaft gehört und wer warum nicht, und noch nebenher erklären, was EFTA und Comecon bedeuten. Mit Leichtigkeit wäre auf diese Weise ein tägliches Acht-Stunden-Programm zu füllen. Anhören würde sich das niemand.