ZDF, Sonntag, 29. Oktober: „Macht Flippern frei?“ Beobachtungen in einer Spielhalle

In 1500 Automatenhallen der Bundesrepublik spielen 300 000 Geräte, Flipper und andere Groschengräber jährlich eine Milliarde Mark ein. Den Gründen für die verbreitete Automatenleidenschaft wollten Jürgen Alberts und Sven Kuntze nachgehen, aber in Wirklichkeit nahmen sie die Flipperlust meist jugendlicher Arbeiter zum Anlaß, zu beweisen, daß diese Lust gar keine Lust sei. Spieler wurden gefragt, was ihnen denn nun Spaß mache am Flippern. Und sie hatten noch kaum geantwortet, daß man „sich über ein Freispiel eben richtig freuen“ kann, da machte sich auch schon eine schneidende, für Gesellschaftskritik zuständige Stimme über die Antworten her, tadelte im strengen Ton einer Heimleiterin, daß die flippernden Jünglinge ihren Spaß „kaum benennen“ konnten und holte das nach.

Da verwandelte sich nun die Freude am Freispiel in Kompensation für fehlende Anerkennung am Arbeitsplatz. Das Vergnügen des Flipper-Experten, den Lauf der Kugel durch Konzentration und Geschicklichkeit zu beeinflussen, wurde sogleich zum raffinierten Betrug der Freizeitindustrie, denn in Wirklichkeit „hindert den Spieler eine Glasplatte, tatsächlich in das Spielgeschehen einzugreifen“. Wagte einer, beim Flippern „mehr Abwechslung als auf der Arbeit“ zu verspüren und damit der These dieses Films, Flippern sei nur die Fortsetzung maschineller Arbeit mit anderen Mitteln, zu widersprechen, so nannte ihn die für Gesellschaftskritik zuständige Stimme auch gleich einen „Fließbandarbeiter“ an „Freizeitmaschinen“.

Auch der Flippersensibilist, der die Geräte bevorzugt, bei denen die Kugel „lange Wege“ zurücklegt, statt zwischen Pollern „herumzuzischeln“, wurde abgekanzelt: die Vielfalt der Geräte kaschiere lediglich die Wiederholung des immer, Gleichen. Und wo der Schütze eines automatischen Schießgerätes befriedigt einen Treffer verbuchte, da hatte der Bedauernswerte doch in Wahrheit „nur zwei Kontaktplatten zur Deckung gebracht“. So stolperte auch diese Sendung in die Sackgasse sich links gebärdender Unterhaltungskritik, indem sie das Unterhaltungsbedürfnis und die Formen, es zu befriedigen, gar nicht erst ernstnahm, sondern sich darauf beschränkte, es zu denunzieren, das Spiel zu verderben.

Christian Schultz-Gerstein