Von Carl-Christian Kaiser

Der „neue Wallraff“ hat Furore gemacht, bevor er überhaupt da war: wie der Autor mitteilt, wurden gegen ihn vom Gerling-Konzern, wo er einige Zeit unter falschem Namen als Portier und Bote gearbeitet, hatte, Spitzel angesetzt, um herauszufinden, wann denn der Gerling-Bericht erscheinen und was in ihm stehen werde; in den Chefetagen des Assekuranzriesen zerbrach man sich die Köpfe, wie man der Enthüllungsreportage am besten begegnen könne. Kein Zweifel, Günter Wallraff ist ein gefürchteter Mann geworden, der sich längst nicht mehr als Querulant und Einzelgänger abtun läßt, ist so etwas wie eine moralische Instanz geworden. Von Mal zu Mal haben seine Berichte aus der deutschen Arbeitswelt an Methode und Präzision gewonnen, hat er sein Grundthema vom Demokratiedefizit in Unternehmen und Betrieben vertieft und erweitert. Das gilt auch für das neue Buch, das den „13 unerwünschten Reportagen“ und den „Neuen Reportagen“ jetzt gefolgt ist:

Bernt Engelmann/Günter Wallraff: „Ihr da oben – wir da unten“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1973; 380 Seiten, 28,– DM.

Die Verfeinerung der Methode wird durch den Mitautor und den Begriff der „Zangenreportage“ deutlich: Während Wallraff das Los derer schildert, die „da unten“ in Werkshallen oder Büros arbeiten, porträtiert Bernt Engelmann jene „da oben“, die dieses Los bestimmen. In die Zange genommen worden sind auf diese Weise Konzerne, Konzernherren und Finanzgrößen wie Krupp; Prinz Johannes von Thurn und Taxis; Henkel; die Fürsten von Waldburg; Fichtel und Sachs; Baron Guttenberg; Flick; Horten; Melitta; Oetker; Gerling; Arzberger.

Freilich, diese Zangenoperation ist keineswegs immer gelungen, schon deswegen, weil sich die Engelmannschen Konterfeis der Superreichen, bei aller kritischen Absicht, oft wie Hofberichte lesen, in denen Stoff für Klatschspalten ausgewalzt wird. Mag auch manches entlarvende Detail darunter sein, etwa über den Krupp-Erben Arndt von Bohlen und Halbach, der „tausend Mark Klimpergeld am Tag“ zu benötigen meint – was soll es, wenn die Speisegewohnheiten des Prinzen Johannes und der gesellschaftliche Ehrgeiz Gabriele Henkels geschildert werden? Daß es bei Reichen reich zugeht, daß sie sich oft schrecklich langweilen, daß viele einen großen Teil ihrer Energien darauf verschwenden, sich im Milieu des internationalen Jet-Set nach oben zu protzen – diese trivialen Erkenntnisse hat schon die Soraya-Presse weidlich verbreitet.

Engelmann will die Garde der Millionäre und Milliardäre durch solche und andere, eher beiläufige Einzelheiten bloßstellen. Wenn es sich denn um „Enthüllung“ handeln soll, ginge dies noch an, geschähe es nicht oft um jeden Preis. So etwa, wenn den Fürsten von Waldburg vorgehalten wird, daß sie ihren Reichtum der Brutalität und Raffgier verdankten, die ihre Vorfahren zur Zeit der Bauernkriege bewiesen haben, oder wenn dem Prinzen von Thurn und Taxis angekreidet wird, daß seine Ahnen durch die politische und finanzielle Ausbeutung ihres einstigen Postmonopols jenen riesigen Besitz zusammengebracht hätten, über den heute der Prinz gebietet. Da werden die Erben kurzerhand von Engelmann in Sippenhaft genommen.

Wer reich ist, dieser Schluß liegt nahe, muß also in jedem Falle etwas auf dem Kerbholz haben. Ob gewollt oder nicht: Mit seiner Bloßstellung um jeden Preis weckt Engelmann Neid, Schadenfreude, Vorurteile, Ressentiments – eine merkwürdige Zutat zu einem Buch, das der Aufklärung dienen soll. Vor allem aber: Durch jene hämische Demaskierung der Privatexistenz und Familiengeschichte der Superreichen gerät meistens genau das in den Hintergrund, was als Ergänzung zu Wallraffs Reportagen wesentlich gewesen wäre, nämlich die Frage nach der sozialen Rolle der Großverdiener, nach ihrem Selbstverständnis als Geldmagnaten, Großgrundbesitzer, Unternehmer und Arbeitgeber für Hunderttausende von Menschen. Durchs Schlüsselloch blickend, verliert Engelmann sein Thema aus dem Auge.