Der Botschafter des Dritten Reiches, ein ehemaliger Sektreisender namens Ribbentrop, hatte sich am Hofe von St. James mit dem „deutschen Gruße“ eingeführt. Sein späterer Ministerkollege und Mitangeklagter in Nürnberg, Albert Speer, der einst von ausländischen Arbeitssklaven die V 2 bauen ließ, blickte dreißig Jahre später gedankenverloren auf die Themse und fühlte sich „erleichtert“, daß so viele alte Häuser in London das V-Feuer überstanden haben.

Den britischen Einwanderungsbeamten verschlug es die Sprache, als ein älterer Herr aus Deutschland, der sich als „Mr. Reeps“ notdürftig verkappt hatte, Einlaß begehrte. Sie setzten Albert Speer erst einmal für acht Stunden fest. Die BBC kam dann doch noch zu ihrem Interview, und Speer konnte den knapp bemessenen Aufenthalt im „Feindesland“ sichtlich genießen.

Wie tief muß der „Blitz“-Schock einigen Briten noch in den Knochen sitzen, daß ihnen angesichts dieses unerwarteten Besuchers die Gelassenheit abhanden kam! Schließlich hatte dieser ehemalige Gegner und Kriegsverbrecher zwanzig Jahre im Zuchthaus Spandau abgebüßt; er ist „resozialisiert“, weltweit bekannt als Bestseller-Autor und heimlich bewundert als Technokrat, der einzige übrigens unter den Nürnberger Angeklagten, der seine Schuld eingestand. Doch sogar der Guardian meinte, das Böse dieses Mannes werde in der Asche von Auschwitz und den Ruinen von Ravensbrück weiterleben.

Die Vergangenheit läßt sie noch nicht los, die Briten nicht, die Deutschen nicht. Vielleicht fühlten sich aber einige unter ihnen nur deswegen so unangenehm berührt, weil es Gast und Gastgeber an Takt hatten fehlen lassen. Kj.