In der modernen Industriegesellschaft wird Bildung mehr und mehr zu einer Ware, die den Charakter eines Markenartikels verliert und den eines Massenartikels annimmt. Wenn es recht gesehen wird, so geschah es vornehmlich aus zwei Gründen, warum in immer kürzer werdenden Abständen das Schlaglicht „Akademisches Proletariat“ aufblitzt: aus hehren, humanen und aus drängenden (schnöden?) ökonomischen Gründen.

Um der sozialen Gerechtigkeit willen sollte das Bildungsdefizit von Arbeitern, Bauern, Katholiken und Mädchen beseitigt werden; um der internationalen Wettbewerbsfähigkeit willen mußten die Begabungsreserven ausgeschöpft werden. Höhepunkt dieser Entwicklung war der Kassandraruf Georg Pichts im Jahre 1964: „Die Zahl der Abiturienten bezeichnet das geistige Potential eines Volkes, und von dem geistigen Potential sind in der modernen Welt die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft, die Höhe des Sozialprodukts und die politische Stellung abhängig.“

Einerseits die Bildungswerbung und anderseits die Hoffnungen der Eltern und Kinder, durch höhere Bildung bessere Lebensqualität zu erreichen, führten schließlich dazu, daß Bildung als Grundrecht postuliert (Dahrendorf: „Bildung ist Bürgerrecht“) und die höhere Bildung als allein seligmachend bezeichnet wurden („Schick dein Kind länger auf bessere Schulen“ oder „Höhere Bildung – bessere Zukunft“). Hier und da setzte sich die Formel fest: je größer der Anteil der Jugendlichen (und zwar proportional den Bevölkerungsschichten), die ein Hochschulstudium aufnehmen, desto gerechter ist ein Bildungssystem und desto mehr Gleichheit (der Bildungschancen) ist gewährleistet.

Wirklich gerecht, so läßt sich folgern, ist ein Bildungssystem nur dann, wenn alle studieren können – und dafür gibt es in der Tat ja nicht nur ideologische und utopische Ansätze, sondern gar reale Pläne.

Die Bildungsfähigkeit und die Bildungswilligkeit der Eltern und Kinder ist enorm angestiegen, nicht minder bei den Lehrern die Kunst des Lehrens und die Fähigkeit und Bereitschaft, ihre Schüler zu fördern. Enorm gewachsen ist aber auch die Investitionsfreude in Gemeinden, Ländern und Bund. Folgende Daten mögen dies belegen:

  • Die Quote beim Übergang von der Grundschule zum Gymnasium stieg von ca. 15 Prozent im Jahre 1960 auf ca. 30 Prozent im Jahre 1970 (der Zugang zum Gymnasium ist inzwischen so human und so gerecht, daß selbst sonderschulbedürftige Schüler – empirische Untersuchungen beweisen es – . diesen Bildungsweg betreten können).
  • Die erfolgreichen Abschlüsse (Abitur) stiegen von ca. 50 Prozent im Jahre 1960 auf ca. 70 Prozent im Jahre 1973.
  • Die Abiturientenquote pro Geburtsjahr stieg von ca. fünf Prozent im Jahre 1960 auf ca. 15 Prozent im Jahre 1973.
  • Die Zahl studierwilliger Abiturienten stieg von ca. 84 Prozent im Jahre 1960 auf ca. 94 Prozent im Jahre 1973.
  • Die Ausgaben für Bildung (in Gemeinden, Ländern, Bund) stiegen von 23 Milliarden (= 13,1 Prozent des Gesamthaushalts oder 3,8 Prozent des Bruttosozialprodukts) im Jahre 1969 auf 47,8 Milliarden (= 16,7 Prozent des Gesamthaushalts oder 5,2 Prozent des Bruttosozialprodukts) im Jahre 1973.

Wie explosiv und allen Vorausberechnungen zuwider die Entwicklung verlaufen ist, wird auch daran deütlich, daß die von der OECD erwartete Zuwachsrate von Abiturienten in der Bundesrepublik Deutschland für den Zeitraum von 1959 bis 1970 nicht – wie erwartet – um vier Prozent, sondern um 100 Prozent gestiegen ist.