Günter Wallraff, wann, wo und wie haben Sie eigentlich Ihre Reportageform erfunden? Es ist ja eine völlig neue Art von Literatur, was Sie machen.

Im Kopf entstanden ist die Form während meiner Bundeswehrzeit, als ich dort als Kriegsdienstverweigerer zehn Monate lang kein Gewehr anrührte und dann diesem Apparat ausgesetzt war und mit allen Machtmitteln, die solch einem Apparat zur Verfügung stehen, mürbe gemacht werden sollte. In dieser Zeit habe ich begonnen, ein Tagebuch zu schreiben, und dieses Aufschreiben war für mich ein Oberwasserhalten, ein Sichbehaupten, auch ein Distanzgewinnen, die Hoffnung, mit diesem Tagebuch mal Öffentlichkeit herstellen zu können.

Besonders in der letzten Phase, als ich sechs Wochen lang in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung des Bundeswehrlazaretts „in Behandlung“ war, war das Aufschreiben – das ich heimlich machte, denn das durfte man nicht – für mich eine ganz enorm wichtige Sache. Das war eine Situation, wo ich selbst schon fast glaubte: Es stimmt was nicht mit dir, das waren ja immerhin Autoritäten damals noch für mich, Psychiater, Ärzte und so weiter... Ich kam mir also vor wie der typische Irre, der meint, er sei der einzige Normale unter lauter Irren...

Indem ich das alles aufschrieb, übernahm ich eigentlich die erste unfreiwillige Rolle, und diese Arbeit setzte ich dann später in anderen Bereichen der Gesellschaft fort und versuchte dabei von Anfang an, eine Form zu finden, die jedermann verstehen konnte, die also nicht auf mich bezogen war.

Nun sind Sie bereits zu einer Art Institution erklärt worden. „Wallraff war da“ – das ist ja fast schon ein geflügeltes Wort. Und die Industrie-Konzerne besitzen mittlerweile auch schon einen Steckbrief von Ihnen, so daß Sie sich immer wieder verkleiden müssen, um in einen Betrieb hineinkommen zu können. Und wenn Sie dann aus den Betrieben wieder heraus sind und sich enttarnen, dann geht bereits der Rummel los. Wie zuletzt im Fall des Kölner Gerling-Konzerns. Sie waren dort zwei Monate lang als Bote und Portier–

– und kam als Bote auch im ganzen Konzern herum, ja.

Meinen Sie denn, daß zwei Monate ausreichen, darüber berufen berichten zu können?