Mainz

Radfahren ist wieder Mode geworden. Es hält fit, kostet Kalorien und eignet sich zur Entspannung. Allein im vergangenen Jahr wurden in der Bundesrepublik über drei Millionen Fahrräder verkauft. Bei der Deutschen Bundesbahn, die seit 1968 ihren Kunden das „Fahrrad am Bahnhof“ anbietet, wurde jedes bereitgestellte Rad im letzten Jahr dreißigmal ausgeliehen.

Doch wer sich nicht auskennt, kann zwar ein bißchen in der Gegend herumkurven; ein weiter entferntes Ziel wird er kaum erreichen. Wer sich nach den Straßenschildern richtet, wird im Mief der Autoabgase ersticken. Wer jedoch mutig einen landwirtschaftlichen Wirtschaftsweg benutzt, bleibt sehr wahrscheinlich irgendwo im Morast stecken oder wird wegen Landfriedensbruchs des Feldes verwiesen. Denn an vielen Wirtschaftswegen steht das rote runde Schild „Gesperrt für Fahrzeuge aller Art“, und darunter auf der weißen Tafel „ausgenommen landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge“. An Radfahrer hat man dabei nicht gedacht.

Zudem dürfen die Landwirtschaftswege laut Grünem Plan nur Stichwege sein und auf keinen Fall zwei Gemeinden miteinander verbinden. Mit dieser an sich vernünftigen Regelung will man die Autos fernhalten. Doch auf den Zwischenstücken, die meist nur wenige hundert Meter lang sind, könnte man einen Streifen mit Kies leicht befestigen und als Radweg ausweisen.

Im Mainzer Landtag hat jetzt die SPD-Opposition einen Antrag vorgelegt, das Wegenetz für Radfahrer auszubauen. Die Landesregierung wird aufgefordert, sofort Straßen und Wege auszuschildern, die für Radwanderungen in Rheinland-Pfalz über große Strecken genutzt werden können. So schlägt die SPD vor, Strecken von Mainz nach Straßburg, nach Saarbrücken, nach Koblenz und nach Trier auszuweisen. Außerdem soll die Landesregierung eine amtliche Karte über Radwanderstrecken in Rheinland-Pfalz herausgeben.

Daß für die Radfahrer etwas getan wercen muß, unterstrich das Statistische Amt des Landes. In einer Presseerklärung über die Verkehrsunfälle fand sich in der letzten Zeile der Hinweis, die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer habe sich im ersten Halbjahr 1973 gegenüber dem Vorjahr um 60,7 Prozent erhöht; „das Unfallgeschehen auf den rheinland-pfälzischen Straßen“ allgemein aber war 1973 gleichgeblieben. Die Bundesstatistik verzeichnete 1971 unter den Radfahrern 1929 Tote, 13 666 Schwerverletzte und 27 292 Leichtverletzte;

Dem SPD-Vorstoß werden freilich wenig Chancen eingeräumt. Zwar ist bekannt, daß der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Helmut Kohl, der am Wochenende mit seinen Söhnen Radtouren unternimmt, schon oft über gefährliche Situationen berichtet hat. Kohl forderte auch bereits die Freigabe der Wirtschaftswege für Radfahrer. Doch als vor gut einem Jahr die SPD-Abgeordneten Dröscher und Lübke entsprechende Schritte in einer Kleinen Anfrage vorschlugen, ernteten sie nicht viel mehr als gute Worte.

Nach Ansicht des Mainzer Verkehrsministers Holkenbrink scheitert ein solches Projekt an den Kosten. Denn ein Kilometer Radweg als Nebenspur einer Bundes- oder Landstraße kostet 25 000 Mark und selbst ein einfacher Radwanderweg ist nicht unter 14 000 Mark je Kilometer zu bauen. Dem Vorschlag, Wanderwege längs der Flüsse und Bäche sowie der Eisenbahnlinien als Radwege auszubauen oder für Radfahrer auszuschildern, stand der Minister skeptisch gegenüber, „weil diese Wege bevorzugt von Fußgängern benutzt werden“. Karl-Heinz Baum