Warum wurde gerade jetzt, in diesem Jahr, in diesem Herbst, in dieser letzten Oktoberwoche ein Colloquium veranstaltet, das sich, wie es Hans Mayer, der Leiter der Tagung, formulierte, mit der „Situierung des Gesamtwerks Becketts“ beschäftigte?

Die Frage ist nicht fein und nicht fromm. Sie ist an Ort und Stelle, der Westberliner Akademie der Künste, allenfalls halblaut und am Rand gestellt worden. Die Experten, die aus Amerika, England, Frankreich und Westdeutschland zusammengekommen waren, um den Orientierungs-, Ortungs- und Ordnungsversuch zu unternehmen, entzogen sich und ihre Sache dem trivialen und profanen Aktualitätszweifel. Die dreitägige Übung hatte einen nahezu monotheistisch festgelegten Charakter – Beckett-Theologie, nicht Beckett-Kritik.

Das heißt: Man verließ den Bannkreis des Werkes nicht, man hielt sich im Innern auf, es gab keine Relativitätstheorien; das Werk, wie auch immer in sich selber rätselhaft und unendlich deutbar, erschien nach außen als feste und unantastbare Größe, gewiß nicht ohne historische Voraussetzungen, aber doch nahezu unvergleichbar. Das einzige Referat, das einen Vergleich durchführen wollte, den historischen mit Bertolt Brecht, wußte schließlich nicht viel zu sagen, jedenfalls blieb unklar, warum einzig Brecht als Bezugsfigur gewählt worden war.

Der Werk-Klausur, in die man sich begeben hatte, entsprach die Faszination von dem Thema der Klausur bei Beckett: Die Außenwelt existiert nur als Innenwelt, die Realität nur als Fiktion, der Beckett-Mensch hält sich nirgendwo anders mehr auf als in seinem eigenen Kopf, die Szenerie ist, wie es in dem Referat von Marianne Kesting hieß, zur Schädelszenerie geworden. Oder, wie Jean-Jacques Mayoux in seinem Versuch einer Beckett-Entelechie ausführte, die Konstruktion einer Formenmechanik ersetzt die Nachahmung der Wirklichkeit, die Figuren werden zu Strukturwesen einer monadischen Welt, sie haben keine Wahl zwischen dieser und jener Möglichkeit, Individualität und Zufälle sind ausgelöscht, es gibt keine Chance mehr, sondern nur noch eine logische Organisation oder Desorganisation.

In einem einzigen Vortrag ist nach der Beziehung zwischen Becketts Eigenmacht und seiner Wirkungsmacht auf die Leser gefragt worden. Ist ein Werk-Organismus, der seinen Sitz nicht mehr im Leben, sondern allein noch in der Vorstellung hat, überhaupt interpretierbar, also konsumierbar? Der hochphilosophische, theologisch fundierte und begriffsvirtuose Vortrag des Anglisten Wolfgang Iser über „Becketts Prosa als Exploration der Endlichkeit“ erlöste den Leser und Interpreten von der traditionellen Verpflichtung, nach Interpretationsschlüsseln zu suchen, ein Zeichensystem hinter den Fiktionsvorgängen zu vermuten und Becketts Dichtung als einen Ist-gleich-Wert exakt ins Leben zu übertragen. Isers Angebot war zunächst negativer Art: Die Interpreten müssen einsehen lernen, daß Becketts Figuren und ihre Situationen in den Romanen, Erzählungen und Dramen eine literarische, fiktive Version des Menschlichen und seines Endes sind, die so unerklärlich bleiben wie eben dieses Menschliche selbst und so unerfahrbar wie eben dieses Ende. Der Fiktion ist keine übermenschliche Erklärung abzuverlangen. Sie gibt keine solchen Erklärungen ab, sie stellt nichts fest, aber sie bringt etwas in Bewegung, nämlich bei dem Leser die Ungeduld, sich ihrer mit Hilfe einer Erklärung zu bemächtigen. Der Deutungsprozeß gelingt ebenso wenig, wie er mißlingt – er ist ohne Ende. Die Fiktion läßt sich nicht auflösen. Aber der Zwang zu immer neuen Vorschlägen, wie sie abzubauen seien, bewirkt auf der Seite des Lesers einen steten Aufbauvorgang: Er produziert, entwirft und verwirft Sinnzusammenhänge; auch wenn es zu keiner Ordnung kommt, befindet er sich unablässig innerhalb eines Ordnungsversuchs.

Nach Wolfgang Isers Referat ergab sich mit einem Diskussionsvorschlag von Jakob Taubes die Chance, den Beckett-Käfig, die Werk-Eigentümlichkeit auch einmal aus der Distanz, Beckett nicht als eine monolithisch in der Literatur aufragende Erscheinung, sondern als Mitwirkenden innerhalb eines umfassenden historischen Denkprozesses zu sehen.

Aber wie es bei Tagungen üblich ist, rangierte die Tagungsordnung vor dem spontanen Ereignis. Man wollte im Text, nicht im Gespräch fortfahren. Die vorbereiteten Referate sind dann auch streng bei der Sache, streng im Beckett-Sog geblieben. Jeder hatte sein eigenes Beckett-Ressort, jeder zelebrierte seinen Beckett. Das konnte ein hohes Vergnügen sein: etwa als Georg Hensel für die Dauer seines Vortrags „Beckett auf dem deutschsprachigen Theater“ das allgemeine Abstraktionsverhängnis leicht und lebhaft aufhob. Oder es war eine intimste und konkreteste Insider-Belehrung: als Elmar Tophoven einen Werkstatt-Bericht seiner Arbeit als Becketts deutscher Übersetzer gab. Aber auch mit leidigen Banalitäten verschonte man sich nicht, mit schlechtem Katalogisieren und sekundärliterarischen Registerarien. Und allenthalben triumphierte das Detail; die Lust, die einzelnen Aspekte, die man, jeder den seinen, mitgebracht hatte, in einem gemeinsamen Gespräch zusammenzubringen, kam nicht recht auf. Die Experten saßen nicht nur miteinander in einem Gehäuse, sie blieben auch nach Möglichkeit jeder in seinem Kabinett.