Zu einer Sturmflut ist es nicht gekommen. Bevor die Wellen beunruhigende Ausmaße annehmen konnten, sprang der Wind um: Die Jesus-Bewegung sorgt zwar nicht mehr für Schlagzeilen, aber sie hat ihre Basis verbreitert; auf einer ihrer Flanken hat sich eine musikalische Aktivität entwickeln können, und die Kirchen waren clever genug, sie schnell zu vereinnahmen; es existiert sogar schon ein terminus technicus: Sacro-Pop.

Angefangen hatte es vor inzwischen fast zwölf Jahren, als der Münchner Pfarrer Günter Hegele mit seinem religiösen Schlager „Danke“ hoffte, junge Leute musikalisch auf eine angeblich ihnen angemessene Weise anzusprechen und ihnen dabei auch noch etwas Transzendentes mit auf den Weg zu geben; als eine Akademie im bayerischen Tutzing den modischen Weg schick fand und Wettbewerbe ausschrieb, ein Verlag in Regensburg Heftchen und Blättchen druckte und hier und da sogar richtige Jazz-Musiker mitmachten. Aber Breitenwirkung hatte das alles nicht.

Das änderte sich fast schlagartig mit den ersten publizistischen Erfolgen der Jesus-Welle. Zunächst von den Ereignissen überrascht, wußte die Hierarchie die freiwerdenden Aktivitäten schnell vor ihren Karren zu spannen. Plötzlich waren Jugendgottesdienste und Schulmessen mit Beat-Musik doch nicht mehr so kultwidrig, die „Zielgruppen-Liturgie“ wurde entdeckt, und in jeder Kleinstadt suchte ein progressiver Jugendpfarrer den avantgardistischen Kollegen der Nachbargemeinde durch Modernität auszustechen. In der Diözese Köln existieren, wenn die mitgeteilten Zahlen stimmen, inzwischen siebzig Bands für Beat im Gottesdienst – am vergangenen Wochenende gab es in der Düsseldorfer Thomaskirche ein erstes „Sacro-Pop-Festival“.

Da war ein Modell zu besichtigen – das Musical „Der Menschensohn“ des zu einer Art Leitfigur der religiösen Sing-in-Bewegung gewordenen Peter Janssens. Da suchten elf mit der und über die Bewegung sich einig wissende Experten – Theologen, Pfarrer, Texter, Musiker – in einem Hearing nach einer rationalen Gegenstimme und mußten sich schließlich selber moralisch aufrüsten. Da wagten sich zehn Gruppen mit je drei irgendwie neu getexteten oder vertonten Liedern in einen Wettbewerb, und ein paar hundert junge Leute, die offenbar an diesem Samstagabend nichts Besseres vorhatten, hörten schweigend zu; liebe und friedliche Mitmenschen, auf Apfelsinenkisten hockend, Cola trinkend oder schlicht auf dem zusammengerollten Parka liegend, aßen Bockwurst mit Kartoffelsalat und fanden das zwischen dufte und langweilig. Da standen sie schließlich am Sonntagmorgen dicht an dicht, um ein bißchen Ernesto Cardenal zu hören, und hinterher gingen ihnen das Lob auf die Liebe und den Frieden, das Schalom und die Hallelujas locker von den Lippen, aßen sie vom Meterbrot und tranken Tiroler Rotwein und fühlten sich happy.

Nur wenn man sie nach ihren Vorstellungen von diesem Gott fragt, sind sie erstaunt: „Wieso Gott?“ Und dann zeigt sich, daß längst eine Re-Infantilisierung eingesetzt hat, eine unwahrscheinliche Anspruchslosigkeit, die an die Stelle alter Leerformeln neue (Liebe, Frieden, Freiheit) gesetzt hat, eine Pseudo-Gläubigkeit, die von einem Lied vor allem verlangt, daß es „unter die Haut“ geht, und in der sich gerade noch ein paar in der Gruppenerfahrung freigewordene Emotionen Luft machen.

Das rhythmische Halleluja-Rufen läßt sich vermutlich über Nacht schon in ganz andere Metren, ebenfalls im Viervierteltakt, umfunktionieren.

Heinz Josef Herbort