Von Wolfgang Boller

Elefanten! Elefanten, Elefanten ... Am Morgen stand ein alter Elefantenbulle lange, fast ohne sich zu bewegen, an der Tränke gegenüber der Hotelterrasse. Soeben angekommene Gäste schossen Batterien von Photoapparaten auf ihn ab. Andere, die am selben Tage abreisten, beobachteten sie mit mildem Spott. Sie waren am Tag zuvor mit dem Ranger Jonny Hys auf dem allgemeinen Entdeckerpfad gewandelt (täglich um 6.30 und 15.45 Uhr) und gefielen sich in der Pose amüsierter Überlegenheit: „Sparen Sie den Film.“

Um 6.30 Uhr brach die Gruppe auf, grundsätzlich nicht mehr als sechs Teilnehmer. Nach einer Fahrt von etwa zehn Minuten sahen die Entdecker vom Jeep aus eine Herde von sieben, oder acht Elefanten mit zwei Kälbern. Jonny Hys schulterte eine zur Elefantenjagd ungeeignete Büchse, klaubte zwei Hölzer auf und bat um Gänsemarschformation und tiefes Schweigen. Jonny: „Das sind wundervolle Tiere. Kürzlich hat mich eins: ärgern wollen. Ich kenne sie alle.“ Er führte die Gruppe, die es vor Abenteuerlust, und Angst schier zerriß, auf Steinwurfweite an die Elefanten heran und wisperte dramatisch: „Keinen Schritt weiter.“

Da pochte den Weitgereisten, die in den Tierparks Ostafrikas und Südafrikas nicht ein einziges Mal den Safariwagen verlassen durften, das Herz bis zum Hals. Stockenden Atems knipsten sie Elefanten auf freier Wildbahn. Das gibt es also noch. Jeder empfand beklommen den gebieterischen Reiz einer Gefahr, in die man sich zum Freizeitvergnügen nicht begibt, um darin umzukommen. Welcher Verlaß aber ist auf Jonnys Gewehr oder die Holzstückchen?

Das gibt es also doch: Die Reisenden klettern aus dem Jeep. Der Ranger führt die Gruppe durch den Busch, bedächtig ausschreitend auf schmalem Negerpfad. Der Spaziergang gerät zum Schnellkurs vom Überleben in der Wildnis. Jonny zieht den Ästen einer Pflanze in langen Streifen Rinde herunter und flicht sie ineinander. „Sehen Sie: Das ist ein Seil. Das kann keiner von Ihnen zerreißen. Damit kann man das Auto abschleppen.“ Oder er erklärt: „Dieses Gewächs ist giftig. Wenn man es aber viermal abkocht, kann man davon leben.“ Eine Lady meint, solches sei aber doch sehr lästig; sie würde die Pflanze nicht viermal abkochen. Da offenbart der Ranger Menschenkenntnis; „Nachdem Sie’s nun einmal wissen... Sie würden, M’m, Sie wurden.“

Natürlich kann man im Busch auch schneller sterben. Jonny deutet auf einen umgestürzten, dürren Baum. „Sie brauchen bloß Äste als Brennholz abzuschneiden. Das ist der sicherste Weg zum Tod. Klappt vielleicht nicht auf Anhieb. Dann muß man halt weitermachen. Der Tod ist gewiß.“ Da staunen die Leute und wissen nicht, wie sie’s verstehen sollen. Jonny sagt’s ihnen: „Im Wurzelstock nisten zuerst Mäuse und andere kleine Tiere. Die locken bald Schlangen an.“ Dieser Jonny...

Dieser Jonny ist ein Mann wie aus einem Abenteuerroman. Jeder Junge wäre gern mal so einer geworden, ein Sohn der Wildnis, ein Freund der Eingeborenen und der Tiere, ein Fährtensucher und Spurenleser. Sein Ruhm ist im ganzen Land verbreitet. Er spielt mit dem Buschabenteuer wie mit Orgelregistern, tupft ein bißchen am Bild der eigenen Legende herum, schultert die Büchse, klaubt Holzstücke auf... Warum, Jonny? „Well, um damit Lärm zu machen.“ Warum, warum? „Um die Elefanten zu erschrecken – ha, ha, ha.“ Jonny lacht, und als es auf einmal passiert, lacht er immer noch.