Folge IV: Verkümmert in Säuglingsheimen

Von Erwin Lausch

Der Hohenstaufenkaiser Friedrich II. war nicht nur ein mächtiger, sondern auch ein vielseitig interessierter Monarch. Ihn bewegte die Frage, welche Sprache Menschen sprechen würden, mit denen von Geburt an niemand gesprochen hatte, und er beschloß, diese Frage durch ein Experiment zu klären. So jedenfalls berichtet ein Zeitgenosse des Kaisers, der Geschichtsschreiber Salimbene von Parma:

„Deshalb befahl er den Ammen und Pflegerinnen, sie sollten den Kindern Milch geben, daß sie an den Brüsten saugen möchten, sie baden und waschen, aber in keiner Weise mit ihnen schön tun und zu ihnen sprechen. Er wollte nämlich erforschen, ob sie die hebräische Sprache sprächen, als die älteste, oder Griechisch oder Lateinisch oder Aarabisch oder aber die Sprache ihrer Eltern, die sie geboren hatten.“

Jedoch: „Er mühte sich vergebens, weil die Knaben und (anderen) Kinder alle starben. Denn sie vermöchten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen.“

Ob der tragische Ausgang des Experiments, das Salimbene respektlos als „Wahnidee“ bezeichnete, den Kaiser überraschte, ist nicht überliefert. Aus heutiger Sicht konnte der Versuch überhaupt nicht anders enden, wenn die Ammen den Befehl des Monarchen befolgten.

In den Findelhäusern Europas sind vom Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Millionen Kinder gestorben, weil sich über die einfachsten leiblichen Bedürfnisse hinaus niemand um sie kümmerte. Sie starben an Infektionen und Ernährungsstörungen, aber die Ursache ihrer außerordentlichen Anfälligkeit, war, wie wir heute wissen, daß sich niemand mit ihnen liebevoll beschäftigte.