Von Peter Ernst

Als macht den Ais-Fahrer nicht durch sein heiteres Wetter zum Als-Fanatiker, sondern durch seine heiteren Menschen. Das hat die winzige dänische Insel im Kleinen Belt allen Urlaubsgebieten voraus, die mit ihrem heiteren Wetter werben. Der Ais-Fanatiker ist über das Wetter längst hinaus. Alle reden darüber – er nicht mehr. Er hat Wetter nicht nötig. Auf den Mallorca-Fan, beispielsweise, sieht er herab, weil er den zu den armseligen Menschen zählt, die ihren Urlaubsspaß allein nach selbsterlebten Brandblasen messen. Als ist Mentalität. Fast möchte man sagen Weltanschauung. Nur: Weltanschauung ist kein alsisches Wort. Als ist gar nicht zu erklären. Das wird einem erst vollkommen klar bei dem Versuch, es zu erklären. Man fragt sich als Als-Fanatiker, warum, bei allen Wikingern, man überhaupt etwas zu erklären versucht, was man doch am liebsten für sich behielte. Sollen sie doch alle nach Mallorca reisen.

Immerhin, Siegfried Lenz und ich sind schon nicht mehr allein. Beim Bäcker in Hundslev hat neulich in aller Frühe eine dralle Weibsperson die Tür mit einem schallenden „Grüaß Goht“ aufgerissen. Die Bäckerin hat sich gewundert, aber unauffällig. Toleranz ist alsisch. An langen Winterabenden kann man sich immer noch darüber auslassen.

Eine kleine Umfrage des Touristenkontors Sonderborg, wenn auch nicht pingelig bis ins letzte Detail aufgedröselt (denn Pingeligkeit ist kein dänisches Wort) hat ergeben, daß die Urlauber an diesem jütländischen Provinzzipfel vor allem „die Natur und die hilfsbereiten, stets gelassenen Menschen“ schätzen. Es gibt deren 50 000 und, sei’s drum, ein paar mögen auch Muff köpfe sein. Also die Menschen: Bauer Hansen, Alsener durch und durch; 1937 war er zuletzt in Kopenhagen. „Bestimmt hat sich manches verändert“, sagt er. Urbanität ist nicht aisische Sehnsucht. (Außerdem trifft man auf Seeland so viele Seeländer, und die, sagt der Alsener, sind fast wie die Schweden. Was soll man dann also in Kopenhagen?)

Die Menschen also: Krämer Klausen, der zwischen Schmierseife, Tomaten und Filzpantoffeln ein Bankgeschäft betreibt und nach gemurmelter Rücksprache mit der Frau Bankierskrämerin den Wechselkurs für den Fremden günstig über den Daumen peilt. Antiquitätenhändler Leimand, der die Preise nach unten abrundet, damit umständliches Wechseln nicht die gemütliche Kakelei stört – Gemütlichkeit ist ein alsisches Wort. Glaser Mattesen, der die neue Scheibe für morgen verspricht, sich reichlich bis übermorgen Zeit läßt und dafür einen Schnaps mehr trinkt – mañana ist ein alsisches Wort. Pastor Christensen, der mit eben ausreichendem Geschick die Sickergrube in Fluß hält – Dünkel ist kein dänisches Wort. Der Tennismeister von Havnbjerg, ein junger Hilfsarbeiter. Der Maler Jørgensen, ein Handwerker, der schon dem zweiten Ruf folgt, sich dann erst einmal das Ausmaß von Decken und Wänden besieht und erkennt: „Das soll ich alles streichen habe ich gar keine Lust.“ Arbeitswut ist kein alsisches Wort.

Der Müller Linow in Eistrup, der den Besucher erst mit nie erlahmender Begeisterung durch die Mühle der Mühlenhistorie dreht und ihm dann im staubigen Gebälk Selbstgereimtes vorsingt. Die vielen jungen Ehepaare, die vietnamesische Waisen und deutsche Mischlingskinder bei sich aufnehmen, die grauenvoll verstümmelte Kinder aus Bangla Desh betreuen. Tennispartner Knudsen, den auf ein Kommando seines Magens mitten im aussichtsreichen Doppel der ohnehin nur schwach entwickelte Ehrgeiz verläßt: „Sport oder Revolution – der Däne muß essen.“ „Revolution“, lacht die Ungarin Valeria, die seit 1956 hier lebt, „dazu haben die Dänen kein Temperament.“ Der Csárdás ist nicht aisischer Rhythmus. Immerhin haben sie neulich gestreikt. Sonst ist aber mehr stummer Widerstand Sache der Alsener, schon von alters her. Als 1868 Preußenkönig Wilhelm, seit vier Jahren Herrscher in Nordschleswig, Sonderborg besuchte, begegnete er kalten Schultern. Der Schlächtermeister Reimers hatte die Parole ausgegeben: „Der König wird uns nicht grüßen, also grüßen wir ihn auch nicht.“

So traf Wilhelm auf stummen Massenprotest – Scharen aisischer Bauern, die den Hut auf dem Kopf und die Pfeife zwischen den Zähnen behielten. Tourist Wilhelm Normalurlauber kann wieder mit freundlicher Ansprache rechnen.