Unsere Bildungspolitik ist an die Schranken – konkurrierender Interessen und der Finanzpolitik gestoßen; also besteht eine große Nachfrage nach Gesichtspunkten, unter denen aus der Not eine Tugend gemacht und der Numerus clausus für eine Sache ausgegeben, werden kann, die auch ihre guten Seiten hat. Vielleicht waren die ursprünglichen Planungen ohnehin zu ausgreifend, vielleicht existieren die Defizite, welche uns vor zehn Jahren schockten, schon nicht mehr? Vielleicht drohen statt dessen Überschüsse an Gebildeten, für die niemand Verwendung hat? Ist der Numerus clausus ein dem ex machina, der uns vor Heeren arbeitsloser Akademiker bewahrt?

Wer immer sich mit Arbeitsmarktfragen befaßt, hört diese und ähnliche Fragen in den letzten Jahren mit zunehmender Häufigkeit und Eindringlichkeit. Wie leicht könnte es jedem aufgelaufenen Bildungspolitiker ums Herz werden, wenn Arbeitsmarktprognostiker und Berufsforscher bestätigen würden: Ja, verelendete Hochschulabsolventen drohen am Horizont; jeder durchschnittliche Handwerker und Facharbeiter findet goldeneren Boden vor als der Studierte; die Wirtschaft stellt keine Akademiker mehr ein; unsere Studenten werden andere Berufe ausüben müssen, als sie gelernt haben; für die geplante Größenordnung von Hochschulabgängern ist auf dem Arbeitsmarkt kein Platz, sind in der Gesellschaft keine Aufgaben erkennbar.

Nichts von all dem kann bestätigt werden. Wer immer Sorgen über eine angebliche „Akademikerschwemme“ äußert, schöpft aus unrepräsentativen Einzelbeobachtungen, unzulässigen Vergleichen und freien, oft emotionalen Assoziationen, zuweilen aber auch interessengebundenen (Berufsverbände können reichlichen Nachwuchs nicht immer begrüßen).

Was an statistisch relevanten Fakten zur Hand ist, läßt für Befürchtungen der geschilderten Art keinen Raum. Dies ist schon oft dargelegt worden; das Bildungsministerium selbst hat erst vor kurzem wieder einen neueren Vergleich mit anderen Ländern veröffentlicht. Die Kassandras kümmert das wenig; ein Gespräch über die trockenen Daten und Fakten kommt mit ihnen fast nie zustande. Die wichtigsten Fakten sind diese:

  • Für kein Land der Welt läßt sich zeigen, daß Akademiker überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen wären. Alle zur Verfügung stehenden Daten beweisen das Gegenteil: Je höher der Bildungsgrad, um so weniger Arbeitslosigkeit. Dieser allein wichtige Sachverhalt sollte nicht durch den Hinweis auf absolute Zahlen von arbeitsuchenden Akademikern verschleiert werden. Wenn in Amerika Millionen Nichtakademiker arbeitslos sind, kann vernünftigerweise nicht erwartet werden, daß jeder Akademiker mühelos Arbeit findet.,
  • Es läßt sich nicht zeigen, daß Akademiker überdurchschnittlich häufig ausbildungsfremd beschäftigt werden. Das Gegenteil ist auch hier der Fall: Je höher der Bildungsgrad, desto ausbildungsadäquater die Beschäftigung. In der Bundesrepublik sind in ausbildungsfernen Berufen beschäftigt von den Facharbeitern und Handwerkern über ein Drittel, von den Akademikern nur wenige Prozent.
  • Nirgends läßt sich nachweisen, daß akademische Bildung in den Anfangs-, Durchschnitts- oder Lebenseinkommen oder in den Aufstiegsverhältnissen nicht mehr honoriert würde. Wiederum ist das Gegenteil aus den vorliegenden Untersuchungen zu belegen, auch z. B. aus den Erhebungen eines bekannten Unternehmens der Unternehmensberatung.
  • Die früher gesteckten Ziele – Annäherung an das Bildungsniveau vergleichbarer Länder und Aufhebung von Chancenungleichheiten im Bildungswesen – sind noch lange nicht verwirklicht; die seit dem bildungspolitischen Aufbruch erreichten Verbesserungen haben uns die internationale Schlußlichtrolle keineswegs schon genommen. Der Akademikeranteil an der Erwerbsbevölkerung stieg von drei auf vier Prozent, der Anteil der Arbeiterkinder an den Studierenden von sieben auf über, zwölf der Studentenanteil an, den Gleichaltrigen von drei auf sechs, der Abiturientenanteil von fünf auf zehn, der Mädchenanteil an den Studierenden von 25 auf 30 Prozent. Geht es nach den letzten Vorstellungen der Bund-Länder-Kommission, so wird bis 1985 ein Akademikeranteil von knapp sechs Prozent erreicht sein. Dies bedeutet, daß wir auf jede absehbare Frist kein Vergleichsland überholen wollen.
  • Keine der (inzwischen vier) in den letzten zwei Jahren im Regierungsauftrag unternommenen wissenschaftlichen Gesamtprojektionen zu Angebot und Nachfrage bei Akademikern weist Absorptionslücken aus. Für die beginnenden achtziger Jahre werden durchweg etwa anderthalb Millionen Akademiker-Arbeitsplätze errechnet – bei ganz konventionellen Annahmen –, und in dieser Größenordnung bewegt sich auch das Angebot. Die Angaben für die einzelnen Fachrichtungen differieren zwar zwischen den einzelnen Untersuchungen erheblich; die Differenzen bewegen sich aber im Rahmen der gegebenen Substitutionsspielräume, etwa zwischen Absolventen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Juristen oder zwischen Lehrern und Naturwissenschaftlern.
  • Über solche konventionellen Projektionen hinaus gibt es Bedarf an Akademikern in völlig neuen Aufgabenbereichen, angefangen beim Umweltschutz bis zur noch kaum entdeckten Rolle der Soziologie im Betrieb (von der wieder ein anderer namhafter Unternehmensberater meint: „Ich kann mir denken, daß in fünf bis zehn Jahren die, Wirtschaft ohne diese Leute nicht mehr auskommt.“).
  • Immer, wenn in der Vergangenheit auf Grund einer bestimmten aktuellen Marktlage vor Überschüssen in einem Fachgebiet gewarnt würde, ist die Sache nach dem Muster des Schweinezyklus ausgegangen: Wurden die Warnungen ernstgenommen, war bald eine krasse Mangelsituation die Folge (gegenwärtig ist dies bei den Psychologen der Hall, von deren Überschuß vor wenigen Jahren so laut die Rede war).
  • Drei Viertel unserer Akademiker sind entweder unmittelbar bei der öffentlichen Hand beschäftigt oder doch in ihren Berufschancen sehr stark von Maßnahmen der öffentlichen Hand, etwa! der Sozial- und Gesundheitsgesetzgebung, abhängig. Nur in – ganz wenigen Fachrichtungen der Ingenieur- und Naturwissenschaften ist der Staat als Beschäftiger von weniger stärker Bedeutung als die Wirtschaft. Die Frage der künftigen Beschäftigung von Akademikern ist demnach ganz überwiegend eine Frage der öffentlichen Aufgaben- und Stellenplanung. Dies ist der eigentliche Boden aller Tatsachen. Die Bundesrepublik ist reich genug, ihre Bildungspolitik weniger von prognostizierten Tendenzen als vielmehr von selbstgesteckten gesellschaftspolitischen Zielen abhängig zu machen – so steht es in den Kernsätzen des bildungspolitischen Länderexamens der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) über die Bundesrepublik Deutschland – und die OECD, die uns auch zuerst in den sechziger Jahren über unseren bildungspolitischen Rückstand aufklärte, ist immerhin eine wirtschaftspolitische Organisation und kein Verein bildungspolitischer Schwärmer!

Nach all dem muß auch aus arbeitsmarktpolitischer Sicht die Frage, ob ein Tendenzwandel in der quantitativen Hochschulpolitik an der Zeit wäre, verneint werden. Der Nachholbedarf – nach 40 Jahren Stagnation – ist zu groß. Er wird in diesem Jahrtausend nicht mehr gedeckt werden.

Die Quantitätsfrage scheint mir aber auch nur ein Oberflächenaspekt zu sein, vielleicht, weil sich unter allen Problemen unseres Bildungswesens darüber noch am leichtesten diskutieren läßt. Richtig ist ja, daß Bildungsexpansion noch nicht Bildungsreform ist – allerdings gehört sie dazu. Aber eine an die Wurzel gehende Umstrukturierung muß schon: hinzukommen, wenn wir den Anschluß wenigstens im nächsten Jahrhundert finden wollen, und nicht nur statistisch.