Von Josef Müller-Marein

Paris, im Oktober

Jedesmal, wenn in Frankreich die Organisation des Fernsehens und des Radios in eine Krise gerät – und das pflegt in unregelmäßigen Abständen der Fall zu sein –, sind deutsche Beobachter geneigt, die Struktur der Fernseh- und Funkanstalten in der Bundesrepublik zu preisen. Sie haben allen Grund dazu. Denn die Tatsache, daß die deutschen Sender als "Anstalten des öffentlichen Rechts" organisiert sind, garantiert ihnen ein beträchtliches Maß an Freiheit. In Frankreich gehört das ORTF (Office de la Radiodiffusion Television Française) dem Staat. Das Wort "Office" paßt hier gut: ein Amts-, ein Dienstbetrieb, zugleich ein gewaltiges Unternehmen (rund 17 000 Mitarbeiter). Kritiker des ORTF pflegen zu sagen, der Apparat sei allzu aufgeschwemmt – eine der Ursachen, daß die Zahlen der Bilanz erröteten. Aber die mangelnde Qualität, speziell der Fernsehsendungen, wird man ebenso auf einen Mangel an Freiheit zurückführen können – "Freiheit" auch als Atmosphäre gemeint, in der sich schaffen läßt.

Hatte die vorletzte Krise ihre Ursache in einer gewissen Verlotterung gehabt, für welche zweifelhafte Praktiken der Schleichwerbung ein Symptom waren, so geht die vorläufig letzte Krise im wesentlichen auf den Gegensatz zweier Männer zurück, die als Gaullisten doch beide hätten einig sein müssen. Diese Uneinigkeit spricht wohl nicht für die Stärke des gaullistischen Systems, doch erklärt sie sich aus der Gegensätzlichkeit der beiden Persönlichkeiten: Arthur Conte, Oberhaupt des ORTF, kontra Philippe Malaud, den Informationsminister.

Bei seiner Ernennung vor 16 Monaten hatten viele sich gewundert, daß Conte mit dem für dieses Amt neu gezimmerten Titel eines Generaldirektor-Präsidenten besondere Vollmachten erhielt. Er hätte diesen Posten nie bekommen dürfen, urteilten Eingeweihte. Denn es war zu erwarten, daß Conte – Journalist, Schriftsteller, Politiker – sich mehr für das Programm als für die Administration interessieren würde. Der Mann mit dem südfranzösischen Temperament und mit deutlich autoritären Zügen hat dabei denn auch nie vergessen, sich selber in den Vordergrund zu spielen und sich recht häufig der Kamera, das heißt, dem Volke zu zeigen. Es sei weitaus beruhigender – so die Eingeweihten –, wenn an der Spitze eines Apparates, der dem Staat gehört, ein Verwaltungsfachmann stünde, von dessen Tätigkeit außerhalb des Hauses möglichst wenig bemerkbar sei.

Arthur Conte aber, der wegen seiner Eigenwilligkeit, Vitalität und seines Programminteresses der falsche Mann auf diesem hohen Sessel war, obwohl er die richtige, die gaullistische Gesinnung hatte, ließ sich von dem Informationsminister Malaud nichts dreinreden, obwohl das Dreinreden doch zu dessen Aufgaben gehörte: zum Beispiel die Behauptung, es würden im ORTF, besonders auf dem Gebiete der kulturellen Sendungen, zu viele "Linke" beschäftigt. So, wie Conte erster Generaldirektor-Präsident des Funk und Fernsehens war, so war Malaud der erste Informationsminister im gaullistischen Kabinett.

Der Kampf ging beinahe so aus wie in Kleists Geschichte von den beiden Boxern, die einander niederschlugen: der jeweils letzte Schlag des einen streckte den anderen zu Boden. Conte, der gleichwohl einen Dreijahresvertrag hatte, wurde aus dem Office fristlos entlassen, während Malaud das Informationsministerium aufgeben mußte, dafür aber "Ministre de la fonction publique" wurde, Minister für öffentliche Verwaltung. Sein Vorgänger in diesem Amt war ein Staatssekretär gewesen.