Die Tragödie wird zum Satyrspiel. Von jenen Watergate-Tonbändern, die Nixon monatelang mit allen Droh- und Machtmitteln des Präsidenten zurückhielt, die er dann unter dem Druck wachsender Empörung freigab, sind nun zwei verschwunden – und, wie könnte es anders sein, ausgerechnet jene, die für die Aufklärung am interessantesten waren. Damit hat Nixon das letzte bißchen politischen Kredit verspielt. Es ist unvorstellbar, daß er noch einmal festen politischen Boden unter die Füße bekommt.

Das Nachrichtenmagazin Time hat zum erstenmal in seiner fünfzigjährigen Geschichte einen Leitartikel veröffentlicht; darin forderte es den amerikanischen Präsidenten zum Rücktritt auf. Auch die New York Times erhob diese Forderung, und sogar der Kolumnist Stewart Alsop, der dem Präsidenten durch alle Wirrnisse die Stange gehalten hatte, befand, nun sei es genug: Nixon möge abtreten und den Platz für den von ihm vorgeschlagenen Vizepräsidenten Gerald Ford frei machen.

Den Amerikanern ist der Präsident unerträglich geworden, weil er sich von Tag zu Tag mehr in Ungereimtheiten, Ungesetzlichkeiten und Skandale verstrickte. Aber Watergate ist keine inneramerikanische Angelegenheit mehr. Ein handlungsunfähiger, schlimmer noch: ein in seinen Handlungen nicht mehr berechenbarer Präsident der Vereinigten Staaten ist ein internationales Sicherheitsrisiko. Die Zeit, da die Welt auf das Gespann Nixon–Kissinger setzen konnte, ist vorbei. Auch in Europa setzt sich die Meinung durch: Jetzt sollte ein neues Team – mit Kissinger, dem Garanten außenpolitischer Kontinuität als Außenminister – für Amerika um Vertrauen werben.

Nicht die fehlenden Tonbänder – das ist fast nur noch eine Arabeske – machen einen Wechsel im Weißen Haus so dringlich. Was seine Ablösung erheischt, ist die Tatsache, daß Richard Nixon keine innenpolitische Basis mehr hat. Die traumatisierten Amerikaner haben ihn auf die niedrigste Popularitätsstufe seit Truman rutschen lassen. Die eigene Partei, die im nächsten Jahr zu Kongreßwahlen antreten muß, sinnt nach Möglichkeiten, ihn loszuwerden. Juristen suchen nach Löchern in der Verfassung, die vorgezogene Wahlen ermöglichen. Ein Präsident, der innenpolitisch so abgewirtschaftet hat, genügt auch den Ansprüchen der Außenpolitik nicht mehr. Der erste Hinweis auf das drohende Impeachment in der sowjetischen Presse beweist, daß auch Moskau den Handlungsspielraum Nixons nur noch gering einschätzt.

Im gleichen Maße, wie sein Spielraum schrumpft, wächst die Unsicherheit Europas. So zynisch es klingt: Für Europa war selbst ein im Watergate-Sumpf steckender Nixon akzeptabel – solange er stark war. Nun, da der letzte Rest seiner Regierungsfähigkeit dahinschwindet, da die einen ihm alles, die anderen ihm gar nichts mehr zutrauen, muß den Europäern jede Alternative besser erscheinen. Vy.