Von Hans C. Blumenberg

Bilder von satter Schwermut: Silhouetten im Wasser, ferne Reiter am Horizont, der Dämmerung entgegen. Die naive Poesie der Gemälde von Remington und Catlin wird evoziert, der atemberaubende Lyrismus der schönen alten • Western, als die Guten noch gut und die Bösen noch böse waren. Illustrationen aus dem Bilderbuch der amerikanischen Geschichte, Holzschnitt-Kino, untermalt von Bob Dylans traurigen Balladen. Dann wieder Dreck, dumpfe Bigotterie, jäh aufflackernde Gewalt, Tod in Zeitlupe. Ein Hahnenkampf mit blutigen Details, Kinder, die neugierig in der Schlinge eines Galgens schaukeln.

Bilder aus Sam Peckinpahs neuem Film „Pat Garrett jagt Billy the Kid“, manchmal so, grandios gewalttätig wie „The Wild Bunch“, manchmal so melancholisch abschiedsschwanger wie „Die Ballade von Cable Hogue“ und „Junior Bonner“: ein Film, der sich nie auf eine Atmosphäre festlegen läßt, der unablässig zwischen Bosheit und Andacht pendelt.

Immer wieder hat das merkwürdige Schicksal des jugendlichen Revolverhelden William H. Bonney alias Billy the Kid, der am 14. Juli 1881 von Sheriff Patrick Floyd Garrett getötet wurde, Hollywood zu Interpretationen herausgefordert: als romantischen Desperado und „Boy Bandit King“, wie ihn King Vidor 1930 und David Miller 1940 zeigten, in „The Lefthanded Gun“ („Einer muß dran glauben“ von Arthur Penn, 1958), als labilen „Rebel without a cause mit Paul Newman auf den Spuren von James Dean. Und 1943 leistete sich Howard Hughes das skurrile Schelmenstück „The Outlaw“‚ in dem Billy the Kid absurderweise mit Doc Holliday zu tun hat und sich mehr für Pferde interessiert als für den gewagten Sex-Appeal der Jane Russell.

Peckinpah versucht jetzt, dem klassischen Heldenepos eine politische Deutung zu geben. Er porträtiert Billy als freiheitsdurstigen Vagabunden, der den handfesten ökonomischen Interessen der Viehbarone von New Mexico in die Quere kommt und von Gouverneur Lew Wallace – dem Autor von „Ben Hur“ – zum Abschuß freigegeben wird. Als Jäger bietet sich Pat Garrett an, einer von denen, „die einen Zaun um dieses Land errichten wollen“. Garrett, einst Billys Freund, doch nun ein ehrgeiziger Karrierist und Handlanger des Establishments, bringt den jungen Outlaw zielstrebig zur Strecke.

Peckinpah betreibt die Anatomie einer amerikanischen Legende nicht mit der Addition historisch präziser Fakten, die endlich die „wahre Geschichte“ zutage befördern, sondern hält sich an die etablierten Spielregeln des Genres, bricht die romantische Ballade von innen her auf. Weder zeigt er Bonneys Kindheit in den Slums von New York noch dementiert er das schöne Märchen von der einstigen Freundschaft zwischen dem Jäger und dem Opfer, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Peckinpah beschreibt den Zusammenstoß eines Außenseiters mit einer sich ständig verhärtenden Gesellschaft, in der für Individualisten kein Platz mehr ist. Insofern ist Billy the Kid ein direkter Nachfolger des kauzigen Einzelgängers Cable Hogue, der Banditen des Wild Bunch und des starrsinnigen Rodeoreiters Junior Bonner: noch ein Denkmal in Peckinpahs stolzem Museum der letzten amerikanischen Helden.

Doch deutlicher als je zuvor in Peckinpahs Western erscheint der Bezug zur amerikanischen Wirklichkeit von heute, nicht zuletzt durch die Lässigkeit, mit der Peckinpah den Folk-Rock-Star Kris Kristofferson als Billy the Kid agieren läßt. Ein Held, der in keines der alten Western-Klischees paßt, eher ein freundlich übermütiger „Easy Rider“ zu Pferde, der sich ins 19. Jahrhundert verirrt hat. Das gleiche gilt für Bob Dylan, dessen Lieder Peckinpahs entrückte Endzeit-Bilder mit schmerzlicher Intensität in die Gegenwart holen. Auch als Schauspieler sorgt Dylan in seiner durch die Willkür der MGM arg beschnittenen Rolle als „Alias“ ständig für sanfte Irritation. Er geht so befremdlich teilnahmslos durch den Film, als sei er aus Versehen in die alte Legende geraten und wisse nicht genau, wie er sich verhalten soll.