Riesengroß strahlt die Sonne vom Firmament, dreimal größer als am irdischen Himmel. Sengende Hitze verbreitet sich über die Landschaft. Von den Bergen rinnen Ströme aus Blei, Wasser gibt es nicht, kein Lufthauch bringt Kühle, am Boden steigt die Temperatur auf 400 Grad und mehr an. Und die Sonne gibt keine Ruhe, unerbittlich strahlt sie weiter, tagelang, wochenlang.

Dies ist nicht etwa die Schreckensvision eines Science-fiction-Autors von der Zukunft der Erde, sondern eine durchaus realistische Beschreibung der Zustände auf dem Planeten Merkur, der der Sonne ungefähr dreimal näher steht als die Erde. Temperaturen von 400 Grad sind daher auf ihm keine Seltenheit, weder Luft noch Wasser können auf seiner Oberfläche existieren. Doch wie es genau auf ihm aussieht, weiß niemand. Denn der Merkur, mit 4800 km Durchmesser der kleinste aller Planeten, läßt sich nur sehr schwer beobachten. Selten taucht er aus den starken Strahlen der Sonne hervor. Nikolaus Kopernikus hat noch, kurz vor seinem Tode, bedauert, ihn niemals in seinem ganzen Leben gesehen zu haben.

In wenigen Monaten aber soll das anders werden. Denn in diesen Tagen ist in Kap Kennedy die Raumsonde Mariner 10 gestartet worden, der erste Raumflugkörper, der den geheimnisvollen Planeten ansteuern wird.

Mariner 10 setzt eine außerordentlich erfolgreiche Serie von Raumfahrtexperimenten fort: Seit dem 13. 11. 1971 umkreist Mariner 9 den Planeten Mars und hat aus dieser exponierten Stellung heraus mittels zur Erde gesandter Fernsehaufnahmen unser Bild des Planeten wesentlich erweitert. Mariner 4, 6 und 7 flogen ebenfalls erfolgreich zum Mars, und die Venus erhielt in den Jahren 1962 und 1967 Besuch von Mariner 2 und 5. Der Planet Venus, nächster Himmelskörper der Erde nach dem Mond, soll auch diesmal das erste Ziel des neuen Raumflugprogramms der Nasa sein. Im Februar 1974 wird die Sonde bis auf 5300 km an die Venus herankommen und, von ihrer Anziehungskraft beschleunigt und umgelenkt, Anfang April 1974 den Merkur erreichen. Zwei Fernsehkameras werden dann seine Oberfläche ablichten, wobei man hofft, noch Gegenstände von 100 Meter Größe zu erkennen.

Im Jahre 1965 gelang es zum erstenmal mit Hilfe des größten Radioteleskops, der Welt, das fest in einer Talmulde in Arecibo auf Puerto Rico montiert ist, Radarkontakte mit dem kleinen Planeten zu knüpfen. Aber die Ergebnisse blieben mager. Vom Merkur ein Radarsignal zurückzuerhalten, bedeutet das gleiche, als ob man ein 5-Pfennig-Stück in 16 000 km Entfernung mit einem Radarstrahl anpeilen und auch noch seine Oberfläche vermessen wollte, Immerhin gelang es, die Umdrehungszeit festzustellen. Merkur dreht sich entgegen allen bisherigen Vermutungen in ungefähr 59 Tagen um seine Achse, das sind zwei Drittel der Zeit, die er für einen Umlauf um die Sonne benötigt – eine einzigartige Erscheinung im Sonnensystem.

Die Physiker Shalhov Zohar und Richard Goldstein vom Jet Propulsion Laboratory in Kalifornien, die sich seit Jahren mit der Radarvermessung des Merkur beschäftigen, glauben in der Nähe des Merkur-Äquators mondähnliche Krater ausgemacht zu haben. Spätestens im April nächsten Jahres wird man wissen, ob das stimmt, wenn die 500 Kilogramm schwere Mariner-10-Sonde ihr Ziel erreicht hat. Zu dieser Zeit ist der Merkur von der Erde aus kaum zu sehen – wie überhaupt die meisten Menschen wegen der schwierigen Beobachtungsbedingungen ihr Leben lang den Planeten nicht zu Gesicht bekommen.

In wenigen Tagen freilich läßt sich das Versäumte bequem nachholen. Eine äußerst seltene Himmelserscheinung, die sich in den nächsten dreißig Jahren für Deutschland nicht wiederholen wird, tritt dann ein. Am 10. November schiebt sich der kleine Merkur an der Sonne vorüber und kann dann mehr als fünf Stunden lang – von 8.48 bis 14.17 Uhr – gesehen werden. Man benötigt allerdings mindestens einen größeren Feldstecher, um diesen Merkurdurchgang zu sehen, Vorsicht ist geboten. Denn die Sonne strahlt so hell, daß die Augen zerstört werden, wenn man direkt in sie hineinblickt. Dichte Schutzfilter sind deshalb vonnöten. Noch besser: Man hält ein Stück weißen Karton hinter das Instrument, auf dem sich die Sonne als große Scheibe abbildet. Wenn also der Himmel klar ist an diesem Sonnabend, kann jeder, dem es Freude macht, den Planeten sehen, dessen Anblick unerfüllter Wunsch des großen Kopernikus geblieben war. Joachim Ekrutt