Von Jörg Drews

Dieses Buch gehört zu jenen Schriften, die einen Akt ausgleichender Ungerechtigkeit darstellen –

Hans Wollschläger: „Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem – Geschichte der Kreuzzüge“; detebe 48, Diogenes Verlag, Zürich 1973; 254 S., 6,80 DM.

Wurden die Kreuzzüge bisher gern glorifiziert, zu Folgen der „religiösen Verinnerlichung“ des mittelalterlichen Menschen oder zum imposanten Ausdruck der „Einheit des christlichen Abendlandes“ stilisiert, bei denen es zugegebenermaßen leider auch unerfreuliche Begleitumstände gegeben habe, so dreht Wollschläger, unbeeindruckt von christlichen Rechtfertigungs- und Verharmlosungsversuchen, den Spieß um und läßt keine Entschuldigung mehr gelten. Streng moralistisch mißt er in seinem Pamphlet nach der christlichen Devise „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ die Kreuzzüge an den ethischen Maximen der christlichen Kirche und muß zu dem Ergebnis kommen, daß die Kirche als Institution, die mit dem Versprechen der Sündenvergebung ihre Schäflein im zwölften und dreizehnten Jahrhundert zu bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem aufrief, eine geradezu „verbrecherische Organisation“ war, ihre Veranstaltungen „Großverbrechen“ die Kreuzzugsprediger wie Peter von Amiens oder Bernhard von Clairvaux „Mörder“, bestenfalls Schreibtischtäter.

Wollschläger will vorgreifen auf eine „nicht mehr christlich infekte Geschichtsschreibung“, die sich kein X mehr für ein U vormachen läßt; er zieht gegen alle Beschönigungen zu Felde, ist zugleich aufklärerisch und affektgeladen wie Voltaire oder Nietzsche, dabei aber bei aller Enragiertheit objektiv: Er zitiert fast nur Quellen zeitgenössischer christlicher Chronisten, gegen die doch gerade seine Gegner nichts einzuwenden haben können.

Den Auftakt zu den Kreuzzügen bilden dann die Judenpogrome, eingebettet sind sie in ganz ungeistliche kaiserlich- oder kurial-politische Erwägungen, die Teilnehmer sind Banditen, Heuchler oder irregeleitete Schwachköpfe und Kinder, das Resultat sind Blut und Elend und insgesamt, zwischen 1099 und 1229, ungefähr 22 Millionen Tote, die Opfer der Kreuzzüge gegen die ketzerischen Katharer oder Albigenser in Frankreich eingerechnet.

Wer Geschichte vorurteilslos betrachten gelernt hat, wer sie und speziell die Kirchengeschichte ohnehin nur für einen „Mischmasch aus Irrtum und Gewalt“ (Goethe) hält, für den ist die Lektüre von Wollschlägers Buch vielleicht nur ein spannend zu lesender Anlaß für häufiges Kopfnicken. Es gehörte aber vor allem in die Hände von noch nicht oder nur halb unterrichteten Lesern, die es als Gegengift gegen Indoktrination oder vage Phrasen brauchen können, also etwa von Schülern.

Gegenüber Wollschlägers Hohn, seinen empörten Sarkasmen, den Zitaten, die er mit dem stilistischen Degen aufspießt, ebenso wie den Folgerungen, die er mit dem Knüppel auf die Leser niedersausen läßt, ist blasiertes Achselzucken ganz unangemessen, solange die wesentlichen Anklagepunkte seiner Streitschrift aktuell bleiben: Hat nicht auch in unseren Tagen die Kurie noch Schwierigkeiten, sich zwischen einem Schweigen zugunsten des christlichen Portugal und einer Stellungnahme gegen dessen blutige Kolonialkriege gegen die Afrikaner zu entscheiden? „So oft ich in der Bibel lese, finde ich eine ganz andere Religion, als wir jetzt haben“ (Bischof Johannes IV. von Meißen).