ZDF, Donnerstag, 1. November: „Countdown, Rückblick auf ein Leben“, von Jürgen Haase

Der 1. November, Allerheiligen, war der hohe Tag der Jesuiten; von fünf Uhr nachmittags bis zum Programmschluß wurde der societas Jesu gedacht, erläuterte ihr General die Ziele des Ordens, legten ihre Märtyrer ein Zeugnis ab, sprach ein Mitglied der Sozietät, die heute eher eine Gemeinschaft von Unruhestiftern als, wie einst, ein Syndikat der Funktionäre ist, die abschließende Meditation: Wozu noch Heilige?

Man hörte, dem Reglement der Exerzitien entsprechend, präzise formulierte Sätze; die Diskrepanz zwischen der ecclesia militans und der Kirche unter dem Kreuz, die sich dem armen Jesus verpflichtet weiß, gewann selbst in den diplomatischen Formulierungen des Generals Arupe Profil. Dazwischen gab’s an diesem Tag den üblichen religiösen Kitsch, Erbauliches, das besser erbaulich geblieben wäre, statt sich salopp und zeitgemäß zu geben: präsentiert in jenem fatalen Anbiederungsstil (auch Hochwürden weiß, wer Beckenbauer ist), der andächtige Verlautbarungen im Fernsehen (und nicht allein dort) so peinlich macht. Das Schlimmste: Ein Viertelstunden-Essay über ein alltägliches Leben – Geburt und Schule, Hochzeit und Urlaub, Beruf und Begräbnis –, der wieder einmal bewies, daß nichts so schwer zu beschreiben ist wie die Normalität.

Gezeigt werden sollte – in seiner Mühsal, seinem kleinen Glück und seiner Belanglosigkeit – das Schicksal eines Nummernmenschen, der im Alter von neunundsiebzig Jahren verstarb. Gezeigt wurde die Unfähigkeit eines Fernseh-Feuilletonisten, die ihm gestellte Pflichtaufgabe zu lösen. Ein armer Teufel am Allerheiligen-Fest! Was sollte er tun? Alltagsbilder zeigen? Szenen aus dem Leben eines Meier, Müller oder Schulz? Momente, in der vertrauten Chronologie vorgeführt, beginnend mit der Geburt und endend mit dem Begräbnis? Oder lieber kühn poetisieren und das Kleine, auf der Ebene der Metaphern, vergrößern? Die Zeitenfolge verändern, mit der letzten Seite beginnen und den Film gleichsam hebräisieren: Rückwärts mußt du lesen, wenn du vorankommen willst? Nun, der Verfasser wollte beides zugleich – einen Meier schildern, der Apollo heißt, und eine Menschengeschichte, teils (ein wenig) zum Grab hin, teils (sehr viel mehr) zur Geburt hin erzählen. Er wollte beides und erreichte, folgerichtig, nichts: Count-down – das war wie „Bild“ mit Goldschnittrand!

Was aber die Programmacher angeht, so hätten sie besser getan, an diesem Allerheiligentag, die Schriftstellerin Ilse Aichinger zu bitten, ihre „Spiegelgeschichte“ in Bilder zu fassen: Dort nämlich wird gezeigt, auf welche Weise sich ein Leben rückwärts erzählen läßt... von der Leichenpredigt (da hat er schon begonnen, der Vikar, da hörst du seine Stimme, jung und eifrig und unaufhaltsam) bis zum Tag der Geburt (das Licht wärmt dir die Glieder, du regst dich in der Sonne, du bist da, du lebst) und dann, in einem einzigen Satz, wieder vorwärts bis zum Tod!

Wie hieß es auf der Schrifttafel, am Ende des Films? Verfaßt nach einer Idee von Bernd Grote. Richtiger wäre gewesen: Verpfuscht nach einem Einfall Ilse Aichingers. Momos