ZEIT-Diskussion

Rahmenrichtlinien

Von Helge Pross

Die Autorin ist Professorin für Soziologie an der Universität Gießen.

Die Bundesländer reformieren den politischen Unterricht in den Schulen. Mehrere Entwürfe liegen bereits vor – Richtlinien, Rahmenrichtlinien, Lehrpläne; Schriften für die Gesellschaftslehre, die Gemeinschaftskunde, den politischen Unterricht, die Sozialkunde; für Haupt- und Realschulen, für Gymnasien, Studienstufen, Sekundarstufen; umfangreiche Bände und dünne Hefte, alle verschieden gegliedert und in je eigener Sprache verfaßt. Ob diese Vielfalt Reichtum oder Wirrwarr ist, läßt sich noch nicht ausmachen. Wahrscheinlich wird sie jedoch die Unübersichtlichkeit des Schulwesens erhöhen. Spitzenreiter im Wettstreit um ein neues Konzept sind Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen; in diesen Ländern wurden relativ geschlossene Pläne formuliert.

In der allgemeinen Aufgabenstellung stimmen die Texte aus den drei Ländern überein: Sie sollen helfen, die Schüler zu Staatsbürgern zu erziehen. Das ist gewiß keine neue Absicht. Einigermaßen neu für die Schulen sind jedoch die Bilder, die man sich in hamburgischen, nordrhein-westfälischen und hessischen Amts- und Kommissionsstuben vom Staatsbürger macht, und neu sind auch die Mittel, mit denen er hergestellt werden soll. Die Vorstellungen darüber gehen in den Ländern weit auseinander.

Wären die Menschen wirklich so planvoll machbar, wie die Texte voraussetzen, dann würde unser Land künftig um ein paar Kuriositäten reicher sein. Es gäbe dann zum Beispiel den Hessendeutschen, der sich mit dem Hamburgdeutschen nur noch verständigen kann, weil dieser zur Toleranz erzogen worden ist, die jener nicht zu den politischen Tugenden zählt. Der Staatsbürger neuen Typs, den der politische Unterricht hervorbringen soll, besitzt nicht nur Kenntnisse über Wirtschaft, Staat, Gesellschaft. Er hat auch bestimmte Fähigkeiten erworben, „Qualifikationen“, wie es in Nordrhein-Westfalen heißt.