Von Hansjakob Stehle

Aus dem Dunstkreis eines ungelüfteten Nationalbewußtseins sind letztens widersprüchlichste Kassandrarufe laut geworden. Da unkte in der "Welt am Sonntag" Herr von Studnitz, die auswärtige Kulturpolitik Bonns führe in den deutschen Auslandsschulen – wie das Beispiel in Rom zeige – zur "Liquidierung eines weiteren Stücks deutscher Kultur durch Leistungsabbau und Verfremdung".

Präsident Onnen von der Kölner Zentralstelle für Auslandsschulen meinte dagegen: "Die Gefahr, überfremdet zu werden", bestehe an der Deutschen Schule in Rom umgekehrt für italienische Schüler.

Solche absurden Urteile wurden ausgelöst durch die seit Jahren laufenden Versuche, die auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik von den Resten einer Mentalität zu befreien, die in den Auslandsschulen nur "Missionsstationen" zur Verbreitung des Deutschtums oder bloße Dienstleistungsbetriebe für Auslandsdeutsche sah.

Leitsätze des Auswärtigen Amtes vom Dezember 1970, die sich an den Prinzipien "Weltoffenheit und Verständigung" orientierten, beklagten, daß die deutschen Auslandsschulen "das Ergebnis einer ungeplanten Entwicklung" seien. Sie müßten deshalb "an dem Plan eines wünschenswerten Systems solcher Schulen" gemessen werden.

Was verbarg sich tatsächlich hinter dem Amtsdeutsch dieser Formulierungen? Sollte nun etwa die Vielfalt der 250 Auslandsschulen (davon 33 in Europa), die ja das Ergebnis einer vielfarbigen Welt ist, in ein bürokratisches Schema gepreßt werden? Im Juni 1972 stellte ein Zwischenbericht der Enquete-Kommission des Bundestages fest, daß sich "kein für alle (Auslands-)Schulen verbindlicher, einheitlicher Typ" schaffen lasse, daß es "vielfache Differenzierungen" geben müsse, daß es jedoch unumgänglich sei, diese überwiegend mit Steuergeldern finanzierten Schulen "in das Bildungswesen des Gastlandes einzugliedern" und ihr Unterrichtsprogramm mehr auf dessen Bedürfnisse auszurichten.

Also Integration auf Kosten des – sprachlich und kulturell – deutschen Charakters der Schulen? Keineswegs. Die Bundestagskommission möchte sogar, daß diese Schulen Träger von Neuerungen sein sollen, "die in das einheimische Bildungswesen übernommen werden können". Man zielt also auf eine doppelte Funktion dieser Schulen im Gastland: Sie sollen sich diesem immer mehr selbstlos anpassen und zugleich selbstsicher auf es einwirken.