ZDF, Samstag, 3. November: "Das aktuelle Sportstudio"

Sie könnte heute schon ein Liebling des Fernsehpublikums sein. Ihre Fehlleistungen (Deutschlands wohl ruhmreichsten Fußballverein nannte sie "Schalke 05") hätte ihr niemand übelgenommen, hätte sie nur brav jene Rolle gespielt, in der rüder Männerwitz Mädchen so gern sieht: die Rolle der bezaubernden Torheit.

Nein, Irrtümer waren bestimmt nicht der Grund für den Aufruhr, den Carmen Thomas, bisher einziger weiblicher Moderator des Aktuellen Sportstudios, bei ihren Zuschauern erregte – denn dann müßte allwöchentlich ein Wutgeheul losbrechen über die weit groteskeren grammatikalischen und stilistischen Fehltritte ihrer männlichen Kollegen. "Schalke 05" wurde zum Sakrileg, weil sich Frau Thomas weigerte, für ihre Ignoranz so Buße zu tun, wie das Sportsmänner erwarten – mit jenem koketten Augenaufschlag nämlich, der sagt: so geht es eben den Mädchen, wenn sie sich an Männersachen wagen.

Zum Skandalon wurde das "liebe Fräulein Thomas" ("Sonntagsblatt"), weil es nie "das liebe Fräulein Thomas" spielen wollte, sondern das Sportstudio so moderierte, wie es viele aus der tristen Garde ihrer männlichen Kollegen gern tun würden, aber mangels Sprach- und Denkgeschick niemals können werden: ruppig, clever, ganz und gar viril. "Ignoranz und Arroganz" – so tönte es in Zuschauerprotesten, in hämischen Zeitungskommentaren. Doch die Wut richtete sich in Wahrheit gegen etwas ganz anderes: gegen weibliche Intelligenz, die nicht weibchenhaft tut und die man deshalb fabelhaft mit Vokabeln wie "Mannweib" oder "Flintenweib" diffamieren kann.

Nun durfte Carmen Thomas nach einer taktisch motivierten Zwangspause von drei Monaten, wieder vors Fernsehpublikum treten. Ärger wird es auch diesmal geben – denn die Sendung wurde zu einer Stunde der Unbußfertigkeit. Am Anfang noch ein paar kleine, beklommene Versuche, nett zu sein (da genügte es der Moderatorin nicht, dem Publikum einen "guten Abend" zu wünschen – ein "wunderschöner Abend" mußte es sein); doch spätestens als sie, bissig fast, die Lottozahlen heruntersagte, hatte sie jeden billigen Versöhnungsversuch abgebrochen, war entschlossen, auch diesmal nicht das brave, gezähmte Mädchen zu spielen.

So sah das Sportstudio einen Auftritt von imponierender Trotzigkeit – eine imponierende Sportsendung wurde es keinesfalls. Denn noch ist Carmen Thomas mehr mit Fragen der Selbstdarstellung und Selbstbehauptung beschäftigt als mit ihren Themen und ihren Partnern. Es ist ja sicher ganz schön, wenn Sportstars nicht mehr mit der traditionellen devoten Ergriffenheit interview: werden. Doch das bleibt ein bloß atmosphärischer Fortschritt, solange sich nur der Tonfall ändert (Distanz an die Stelle serviler Kumpanei tritt), die Dialoge aber so stumpfsinnig bleiben wie zuvor. Einem Fußballer zehn fade Fragen zu steller. (Höhepunkt: "können Sie gut kochen?") und ihn dann wie einen rasch lästig gewordenen Gast zum Zielschießen an die Fußballwand abzuschieben: das ist ein Nonsens-Ritual, ganz gleich, wie keß oder wie unbeholfen ein Moderator den Nonsens präsentiert.

Zuletzt zeigte Frau Thomas aber doch noch wie man aus einer moribunden Fernsehveranstaltung (zu der das Aktuelle Sportstudio längst geworden ist) ein bißchen Witz herausschlagen kann – wenn man nämlich den Sport nicht mit routinierter Andacht beobachtet, sondern mit aggressiver Neugier, nicht mit bewundernden, sondern mit verwunderten Augen. Da drängelte sich im Studio auf engstem Raum eine Schar fülliger Männer in bunten Leibchen, verknäuelte sich zu einer bizarren Körperplastik, demonstrierte mit schwitzendem Ernst eine Rugby-Situation. Und das böse Fräulein Thomas sprach den schönsten Satz des Abends: "Und wie lange verharren die Herren in dieser Stellung?"

Benjamin Henrichs