Dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) hat es offensichtlich die Sprache verschlagen. Der sonst so pressebeflissene Automobilistenklub hielt es bisher, nicht für nötig, die aufschlußreiche Nachricht des Statistischen Bundesamtes zu kommentieren, nach der allein bis März dieses Jahres, offenbar dank Tempo 100, die Zahl der Todesopfer auf den Bundes-, Landes- und Kreisstraßen um 13 Prozent zurückgegangen ist. Wer ein gutes Gedächtnis hat, erlebt jetzt augenscheinlich den Zusammenbruch einer Kampagne gegen die Verkehrspolitische Vernunft.

Natürlich ist es noch zu früh, aus der Statistik endgültige Schlüsse zu ziehen. Die Ergebnisse berücksichtigen nur die ersten sechs Monate dieses großen. Experiments, das ja, inzwischen schon ein Jahr alt ist. Auch liegen noch keine, gesichert, ten Erkenntnisse über den Zusammenhang von Wetter oder Verkehrsdichte und Unfallgeschehen auf den betroffenen Straßen vor. Andererseits gibt es freilich auch Hinweise, daß sich viele Autofahrer bisher einen Dreck um Tempo 100 auf Landstraßen kümmern. So gesehen könnte die Wirkung dieser Geschwindigkeitsbegrenzung also noch viel größer sein.

Angesichts dieser Sachlage erinnert man sich beim ADAC nur ungern an die früheren Stellungnahmen zum Thema Tempo 100. Selbst der abgeänderte Verordnungsentwurf des Bundesverkehrsministers, der zunächst, eine Versuchs-, weise Einführung einer allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzung vorsah, wurde vom ADAC entschieden abgelehnt. Generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen, so ließ sich der Autoklub damals, im Februar 1972, vernehmen, seien kein geeignetes Mittel, dem Unfalltod. auf den Straßen zu begegnen. Ungehindert, von ihrer Zentrale, konnten die örtlichen ADAC-Gaue noch, viel massiver gegen Tempo 100 vorgehen. Schon vier Wochen nach Einführung der Geschwindigkeitsbeschränkung zog der ADAC-Gau Hansa "Bilanz" und verkündete "Tempo 100 ist ein Schlag ins Wasser". Kein Argument war zu fadenscheinig, als daß es nicht doch noch gegen die Vernunft ins Feld geführt worden wäre.

Heute redet man sich beim ADAC damit heraus, damals hätten noch keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse über den Zusammenhang von allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzungen und Unfallziffern vorgelegen. Dabei gab es beispielsweise längst die Untersuchungen des amerikanischen Stanford Research Institutes oder die eindrucksvollen Zählen des Ribicoff-Experiments in Connecticut, das 1956 begann, wo mit Hilfe drastischer Strafen dafür gesorgt wurde, daß die Geschwindigkeitsbegrenzungen eingehalten wurden, und darauf die Zahl der Verkehrstoten um elf Prozent zurückging.

Ein Umdenkungsprozeß sei nun im Gange, hört man etwas kleinlaut in diesen Tagen aus ADAC-Kreisen. Man darf deshalb auf die ersten Äußerungen aus München zum Tempo 100 gespannt sein. Noch interessanter wird es freilichwerden, wenn nun – wie nicht anders. zu erwarten – das Thema 120 Stundenkilometer auf Autobahnen auf den Tisch, kommt. Wird der ADAC zwischen Rücksichtnahme auf seine Mitglieder und verkehrspolitischer Vernunft zerrissen, wird er aus den etwas peinlichen Erfahrung gen mit Tempo 100 lernen?

Viele Gründe sprechen in der Tat für Tempo 120 auf Autobahnen. Hier ist die Zahl der Toten, entgegen dem übrigen Trend, weiter angestiegen. Nicht zuletzt aber könnte der Kilometerzwang auch für die Modellpolitik unserer Automobilfabriken entscheidende Weichen stellen: Dem Klassenkampf auf der Straße, der Renommier-, Protz- und Kraftmeiersucht vieler Autofahrer würde letzten Endes der Boden entzogen, wenn es sinnlos geworden ist, Pferdestärken für 200 Stundenkilometer unter der Haube zu haben.

Ferdinand Ranft