In der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober verfügte der Nationale Sicherheitsrat in Washington für die amerikanischen Streitkräfte die Alarmstufe 3. Der Alarm war die amerikanische Antwort auf die Drohung Moskaus, sowjetische Truppen nach Nahost zu senden.

Noch während die amerikanische Regierung um ihre Entscheidung rang, erfuhr sie: Die Bundesregierung hatte in Bonn den US-Botschafter wissen lassen, sie nehme an, daß „die Vereinigten Staaten weiterhin keine (amerikanischen) Waffen mehr aus der Bundesrepublik nach Israel senden“ würde. Zwei israelische Schiffe hatten die Amerikaner in Bremerhaven beladen, ein drittes mußte ohne Fracht umkehren.

Es war dies der letzte einer Reihe von Schlägen, die Amerika bekommen hatte, seit es versuchte, Israel vor der Vernichtung zu bewahren. London verweigerte Zypern, Spanien seine Flugplätze als Zwischenstation für die Luftbrücke; die Türkei und Griechenland untersagten das Überfliegen ihres Gebietes. Die Bundesrepublik erklärte sich – wie andere westeuropäische Länder – in aller Form für neutral, versicherte Arabern und Israelis ihre „Teilnahme“ und wünschte beiden baldigen Frieden. So stand zwischen Israels Überleben und Untergang nur die Bereitschaft der Amerikaner, das Äußerste zu wagen.

Sebastian Haffner beschreibt im Stern erfreut, wie man hierzulande in jenen Tagen dachte: „Die Haltung des großen Publikums ist jetzt die des unbeteiligten Zuschauers. Das Grundgefühl: Gott sei Dank, das geht uns ja nichts an. Und ich täusche mich nicht, wenn ich unter den Äußerungen des Erbarmens („schrecklich, die armen Menschen“) heraushöre: Können die Kampfhähne nicht endlich Ruhe geben?“

Sicher dachten viele so. Aber sie dachten auch: Weil wir neutral sind, werden uns die Araber ja weiterhin Öl verkaufen. Die Bundesregierung informierte Sadat aus dem gleichen Grunde unverzüglich, daß und wie sie die USA zurückgewiesen hatte.

Reiften hier etwa schon die Früchte unserer Ost-Politik? Glaubte Bonn, es sei durch die Absicherung nach Osten schon so stark geworden, daß es endlich auch eine Verärgerung der Amerikaner in Kauf nehmen konnte? „Die Interessen der Bundesrepublik und der USA sind eben nicht immer dieselben. Das müssen auch die Amerikaner zur Kenntnis nehmen.“ Das sagte der Bundesaußenminister im Fernsehen. Vergessen sind die Tage, als Bonner Bundeskanzler und Berliner Bürgermeister Washington schlotternd um Bekundungen der Solidarität anflehten.

Werden auch die Amerikaner vergessen, daß den Europäern Öl wichtiger ist als die Hilfe für ein bedrohtes Israel und für das ihm verbündete Amerika?