Von Claus Beissner

Nicht erst seit den 9. Europameisterschaften der Frauen im Kunstturnen in London ist die 22jährige Ludmilla Touritcheva die stärkste Turnerin der Welt. Seit drei Jahren hat die Studentin aus Grozny, einem Ort in der Nähe von Baku in der Sowjetunion, alles gewonnen, was das internationale Kunstturnen an Ereignissen zu bieten hat. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko war die 1,60 Meter große Ludmilla, die seit sieben Jahren turnt, noch eines von vielen russischen Talenten gewesen und auf den 24. Platz gekommen. Zwei Jahre später bei den Weltmeisterschaften in Laibach war sie schon die beste Turnerin.

Als ihren größten Triumph bezeichnete die Touritcheva allerdings die Achtkampf-Goldmedaille von München, die ihr trotz der Konkurrenz der DDR-Turnerinnen Karin Janz und Erika Zuchold sowie ihrer eigenen Mannschaftskameradinnen Olga Korbut und Tamara Lasakowitsch zufiel. Ihre Beständigkeit in den Mehrkämpfen zeigte die Olympiasiegerin nun ein weiteres Mal bei den Europatitelkämpfen im Londoner Empire-Pool. Sie gewann wiederum den Kürvierkampf, holte dazu aber wie vor ihr nur Larissa Latynina sowie Vera Caslavska gleich zweimal auch alle Goldmedaillen in den Einzelwettbewerben.

Trotz dieser Erfolge hat Ludmilla Touritcheva in der Gunst ihres Verbandes und auch des Publikums immer zurückstehen müssen hinter der 18jährigen Olga Korbut, die als Liebling der Zuschauer von München den Namen „Spatz von Grodno“ trägt. Die Oberschülerin gilt trotz ihres siebten Platzes im olympischen Achtkampf als die stärkste Turnerin der Sowjetunion, denn sie gewann die Goldmedaillen am Schwebebalken und am Boden. Keine turnt so schwierig wie das Mädchen aus der Schule von Staatstrainer Renald Knish. Doch mit diesen Schwierigkeiten wächst auch ihre Fehlerquote. In München wurde sie nach einem Sturz vom Stufenbarren der große Pechvogel. In London bei den Europameisterschaften ereilte sie ein weiteres Mißgeschick. Wegen einer im Training erlittenen Fußverletzung trat sie zu den Finalwettkämpfen an den Geräten nicht mehr an.

Im Gegensatz zu Ludmilla Touritcheva liebt Olga Korbut die Dramatik des Auftritts und die große Gebärde. Beifall, der ihr von den Rängen entgegenbrandet, nimmt sie auf in vollen Zügen und genießt ihn. Der Touritcheva ist er eher peinlich, er stört sie in ihrer Konzentration. Diese beiden Russinnen sind keine Freundinnen. In London ging ihre Rivalität soweit, daß sich Ludmilla Touritcheva abwendete, wenn die zierliche Olga Korbut an das Gerät schritt.

Leistungsmäßig hat sich die fünffache Europameisterin stärker verbessert als Olga Korbut, die auch in London auf die Wirkung ihrer schon von München bekannten und nur wenig abgewandelten Übungen vertraute. Demgegenüber zeigte ihre Konkurrentin einige Neuerungen. Im Barrenvortrag hatte Ludmilla Touritcheva jetzt drei Pirouetten, die sie zweimal doppelt und einmal einfach turnt. Außerdem beherrscht sie beim Pferdsprung neben dem Bücküberschlag jetzt auch den Tsukaharasprung, jenen Radüberschlag, der in einem Salto rückwärts endet. In London triumphierte die Sicherheit und Sachlichkeit von Ludmilla Touritcheva ein weiteres Mal über das schwierigere Programm der Olga Korbut, das hier allerdings weniger konzentriert vorgetragen wurde als bei den Olympischen Spielen in München. Das mag an der Fußverletzung gelegen haben oder aber an der Tatsache, daß sie weniger hart gearbeitet hat als die Konkurrentinnen.

Dennoch haben die Russinnen auf der internationalen Turnbühne vorerst keinen Gegner zu fürchten. Die Mädchen aus der DDR sind nach dem Rücktritt von Karin Janz und Erika Zuchold noch nicht wieder so weit, um mit den russischen Turnerinnen in einen echten Wettbewerb treten zu können. Die Olympiasechste Angelika Hellmann aus Berlin ist in ihrer Entwicklung seit München stehengeblieben, trotz des ersten Platzes im Pferdsprung, den sie sich mit Ludmilla Touritcheva teilen mußte. Eine Bedrohung dieser Vormachtstellung könnte dagegen durch die erst 16jährige Kerstin Gerschau aus Leipzig erfolgen, die sich mit ihrem unbekümmerten und schwierigen Vortrag bei ihrem ersten internationalen Start gleich auf den dritten Rang im Mehrkampf turnte.