Von Werner Ross

Elias Canetti gehört zu den originellen Denkern der Epoche. Aber indem man das Wort „Denker“ so unbekümmert niederschreibt, stockt man schon. Gewiß, der Leistungsnachweis ist mit „Masse und Macht“ erbracht, auch mit jener zart eindringlichen Studie über Kafkas Briefe an Felice, die zu dem Aufhellendsten gehört, was zu Kafka gesagt worden ist. Trotzdem paßt die gefurchte Stirn des Wortes „Denker“ nicht zu Elias Canettis produktiven Äußerungen. „Angst vor der Aristotelisierung meiner Gedanken; vor Einteilungen, Definitionen und ähnlichen leeren Spielereien“, notiert er 1955.

Aber wenn schon kein Systematiker, kein Ordnungsdenker, wie wäre es denn mit der Nietzsche- und Schopenhauer-Rolle des Aphoristikers, der schnelle Einfälle und Beobachtungen, psychologische Blitzlichtaufnahmen zu einem inneren, unformulierbaren System vereinigt? Aber, so schreibt Canetti, „die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie alle einander gut gekannt hätten“. Auch das ist eine andere Familie, eine einander zuzwinkernde, von der er sich ausgeschlossen fühlt.

Erst wenn man länger in den nun vorliegenden Aufzeichnungen aus dreißig Jahren liest, blättert, die Brücken zwischen weit auseinanderliegenden Notizen zu schlagen versucht, wird deutlich, welches Spiel hier betrieben, welcher Ahne hier, ohne daß er genannt würde, in stummer Zeugenschaft beteiligt ist –

Elias Canetti: „Die Provinz des Menschen“, Aufzeichnungen 1932–1972; Carl Hanser Verlag, München, 1973; 360 S., 29,80 DM.

Man nähert sich der Methode, wenn man das Binom „Dichter und Denker“ nicht als Gegensatz oder Reihung faßt, sondern als Doppelbenennung für eine Sache, für einen Typus, der dichtend denkt und denkend dichtet. Mit dem Ahnherrn meine ich Novalis, aber es lassen sich natürlich auch andere Patrone zitieren, und Canettis engster Partner Kafka gehört durchaus in den Zusammenhang. Man ist da gern mit „Mystik“ oder „Irrationalismus“ bei der Hand, weil es bei dieser Denkfamilie ja keineswegs logisch, „aristotelisch“ zugeht. Aber der krumme Weg dieses Denkens führt durchaus nicht am Ziel vorbei, sondern, indem er krumm ist, umrundet, umzingelt er es, verleibt er es sich ein. Es ist ein Denken, das immer neue Ansätze ausprobiert, unersättlich in seiner kombinatorischen Kraft, etwa so, wie es heute die Transformationsgrammatiker treiben – nur mit dem Unterschied, daß die Aufmerksamkeit nicht dem Denkprozeß gilt, sondern der Ding-Beute, die sich in den Fallen dieser Kombinatorik verfängt.

Die erste von Canettis Fangmethoden ist die Umkehrung, in der Philosophensprache Paradox genannt. Zum Beispiel: „Am meisten mißfallen mir Gedanken, wenn sie sich zu bald als richtig herausstellen.“ Oder: „Am gefährlichsten ist der Kampf mit einem Schwächeren.“ In der folgenden Auflösung: „Dieses windige, nichtsnutzige, leere Überlegenheitsgefühl vor dem Kampf, während des Kampfes, danach, dieses unaufhörliche: Ha ha, ich könnte dich ja fressen!“