In der Kunstliteratur ist die Plastik des 20. Jahrhunderts gegenüber der Malerei entschieden unterrepräsentiert. Es gibt zwar eine Menge – Bildhauermonographien, aber wer eine brauchbare Gesamtdarstellung sucht, der mußte bisher auf Eduard Triers „Figur und Raum“ von 1960 zurückgreifen. Peter Hammachers vor kurzem erschienene Darstellung „Entwicklung der modernen Skulptur“ (Propyläen Verlag, Berlin; 378 S., 128,– DM), ein wissenschaftlich fundierter Versuch, die schwierige und spröde Materie systematisch zu ordnen und chronologisch darzustellen, zählt deshalb zu den wichtigen und notwendigen Neuerscheinungen. Hammacher, Ordinarius in Delft und langjähriger Direktor des Kröller-Müller-Museums in Otterlo, ist für diese Aufgabe der rechte Mann: Er kennt alle bedeutenden Bildhauer persönlich, er hat sich mit Moore ebenso wie mit Pevsner oder Wotruba über ihre Arbeit unterhalten. Und er besitzt das gebotene Maß an Skepsis, angesichts „der Vielfalt persönlicher Stile“, die sich in der modernen Plastik manifestiert, überhaupt Kategorien aufstellen zu können. Das Einzelwerk rangiert vor dem Stilbegriff, persönliche Erfahrung und Anschauung vor der Klassifizierung. Was er vorträgt, ist immer bedenkenswert, auch wo er Widerspruch herausfordert. Warum wird zum Beispiel „Die vielschichtige Welt der Konstruktivisten“ eingehend abgehandelt, die komplexere Welt der Surrealisten aber nur beiläufig gestreift? Der deutsche Beitrag wird kaum erörtert oder, im Fall Lehmbruck und Barlach, falsch eingeschätzt. Hammachers spezielles Interesse gehört dem Kubismus einschließlich der Vorläufer und Randfiguren. Hier stellt er auch weniger bekannte, übersehene Bildhauer mit überzeugenden Beispielen heraus, wie den Ungarn Joseph Csaky, der (unsere Abbildung) am konsequentesten einen dreidimensionalen Kubismus in Gips und Stein entwickelt habe. Die Übersicht endet bei den frühen sechziger Jahren, der Grenze zwischen Geschichte und Aktualität. Mit rund 400 Abbildungen enthält der Band die bisher beste und umfangreichste Dokumentation zur Entwicklung der modernen Skulptur. Gottfried Sello