Von Marion Gräfin Dönhoff

Warschau, November 1973

Nur wenige Tage nach den harten Verhandlungen, die Außenminister Scheel in Warschau geführt hat, in der polnischen Hauptstadt über deutsch-polnische Probleme zu diskutieren – diese Aussicht war gewiß nicht geeignet, große Erwartungen oder gar Vorfreude zu wecken. Aber die Polen bewerten jene harten Verhandlungen keineswegs negativ, sondern meinen – genau wie Bonn – dies sei nicht das betrübliche Ende der Gespräche über Finanzkredite und Umsiedlung, sondern der Anfang einer neuen illusionslosen Phase, die schließlich sinnvolle Kompromisse zeigen werde.

Der Direktor des Warschauer Instituts für Internationale Angelegenheiten, Botschafter Dobrosielski, hatte das Bonner Institut für Außenpolitik, seinen Direktor Professor Karl Kaiser, dessen Mitarbeiter und einige Abgeordnete für mehrere Tage nach Warschau eingeladen. Er eröffnete die Konferenz mit der Feststellung: "Hinter uns liegt die Verzweiflung der Jahre, in denen nichts geschah. Hinter uns liegt auch die Euphorie darüber, daß schließlich doch etwas geschah – jetzt nun beginnt die Zeit nüchterner, sachlicher Arbeit."

Wollte man die Problematik auf einen Satz reduzieren, so müßte man wohl sagen, die meisten Schwierigkeiten beruhen darauf, daß die Polen uns nicht trauen: "Uns sagt ihr, die Grenze sei endgültig, aber in der Resolution des Bundestages heißt es, der Vertrag sei keine Rechtsgrundlage für die Grenze." Wir wiederum ärgern uns, wenn unsere Bereitschaft, getroffene Abmachungen zu halten, koste es, was es wolle, immer wieder in Frage gestellt wird; schließlich ist die Bundesrepublik ja nicht mehr das Hitler-Reich. Fazit: Die Bilder decken sich nicht – wenn die Polen Deutschland sagen, dann denken sie an Deutschland bis 1945; wenn wir Deutschland sagen, dann denken wir an die Bundesrepublik seit 1945. Auf dieser Diskrepanz beruht ein gut Teil der Schwierigkeiten.

Und doch, wie vieles hat sich geändert, wenn ich an deutsch-polnische Debatten vor 1970 denke! Das Jahr 1970 war für Polen innen- und außenpolitisch eine Zäsur, die nicht über-

sehen werden kann. Im Dezember wurde der Vertrag über die Oder-Neiße, auf den die Polen ein Vierteljahrhundert gewartet hatten, unterzeichnet. Und ebenfalls im Dezember brach unter den Werftarbeitern in Danzig eine Revolution aus, die schließlich zum Sturz Gomulkas führte. Daß es eine veritable Revolution war, hat man eigentlich erst hinterher gemerkt. Die gesamte Führung wurde damals ausgewechselt: Weit über die Hälfte des Polit-Büros, die Chefs von 14 der 17 Woywodschaften, eine Reihe führender Militärs, und schließlich verschwand sogar General Moczar, der frühere Sicherheitschef und Innenminister, die treibende Kraft der "antizionistischen" Kampagne.