Hannover

In Europas größtem FKK-Freizeit- und Sportpark in Misburg bei Hannover werden in kommenden Jahren Hunderte von Familien, die sich in paradiesischem Zustand am Wochenende erholen, an warmen Sonnentagen schnuppernd ihre Nasen gen Westen richten, um zu prüfen, ob ihnen ihr textilfreies Hobby durch eine Geißel der Zivilisation vermiest wird. Die Müllawine, das Sorgenkind vieler Kommunen, hat die Planer der niedersächsischen Landeshauptstadt nämlich zu einem ehrgeizigen Plan angespornt. Jeder Hannoveraner soll, indem er Abfall produziert, an der Errichtung der höchsten Erhebung im Weichbild der Stadt mitwirken, eines Müllgebirges, das später einmal, der Erholung dienen soll, zunächst jedoch die Erholungswünsche von 3600 FKK-Freunden gefährdet.

Eine halbe Million Kubikmeter Müll fällt gegenwärtig pro Jahr in Hannover an, und sieben Millionen Kubikmeter Abfälle liegen bereits auf der großen Müllkippe im Nordosten der Leinestadt. Den Plan, eine Müllverbrennungsanlage zu installieren, ließen die Stadtväter wie eine heiße Kartoffel fallen, als sie ausgerechnet hatten, daß es – je nach Verfahren – zwischen 15 und 35 Mark pro Tonne kostet, Müll zu verbrennen, aber nur drei Mark, die Abfälle ins Gelände zu kippen und mit Spezialgeräten zu einer „geordneten Deponie“ auf ein Siebtel ihres ursprünglichen Volumens zu komprimieren.

Füglich tat man im hannoverschen Rathaus zweierlei. Man kaufte nach und nach weitere Flächen südlich der jetzigen Deponie auf, und man setzte Gartenamtsplaner Kern an die Arbeit, eine Erholungsladschaft aus Abfällen zu ersin-Den. Das inzwischen weitgehend fertiggestellte Werk, ein mit Mini-Hügeln und -Tälern ausgestattetes Häufchen Knetmasse auf einer Landkarte, wird sich im mittelniedersächsischen Flachland wie ein Gebirge ausnehmen; es wurde bereits mit dem Scherznamen „Himüllaja“ belegt, Seine Grundfläche wird für weitere 45 Millionen Kubikmeter hannoverscher Abfälle Raum bieten, die sich dann bis zu 100 Meter-Höhe auftürmen,

In einigen Jahrzehnten soll alles begrünt sein, Spazierwege und Ruhebänke aufweisen und sich in eine Erholungslandschaft mit einem neuen Autobahnsee im Norden und dem FKK-Sportpark im Osten eingliedern. Bis dahin hat die Stadt Hannover den im „Bund für freie Lebensgestaltung“ organisierten Nackten größtmögliche Vermeidung übler Gerüche und umfangreiche Abwehrmaßnahmen gegen Staub- und Papierflug zugesichert. Und hält die Entwicklung an, wird auch um die Jahrtausend wende kaum noch jemand per Fernglas vom herangewachsenen Müllberg hinab ins Paradies der FKK-Freunde spähen. Wolf gang Risse

Redakteur der „Hannoverschen

Allgemeinen Zeitung“