Von Christian Schultz-Gerstein

Adrett sah man damals aus. Studenten, die später mit wallender Mähne gegen das Establishment Sturm liefen, waren von Rekruten auf einem Kasernenhof kaum zu unterscheiden. Wenn sie einen Termin bei „ihrem“ Professor hatten, zogen sie ein weißes Hemd an, Banden eine Krawatte um und waren aufgeregtwie bei der Konfirmation. Nur manchmal gab es Momente, da, fiel man sich selber auf die Nerven. Doch wer achtete schon auf sich? Die Eltern hatten einem das Studium ermöglicht, man sollte froh sein. Also war man froh.

Dann, am 2. Juni 1967, wurde Benno Ohnesörg erschossen. Und plötzlich fiel es Tausenden von Studenten, die man eben noch für brave Pfadfinder hätte halten können, wie Schuppen von den Augen.

Einer von ihnen war Peter Schneider, Student der Germanistik an der Freien Universität Berlin. Auch er erkannte sich mit einem Male nicht wieder in dem Gehorsam, mit dem er die zweite Lautverschiebung gelernt, in dem apathischen Schweigen, mit dem er Vorlesungen über sich hatte ergehen lassen. Schneider entdeckte, daß er bislang sozusagen gar nicht vorhanden gewesen, daß er im Studium untergetaucht war. „Wir waren groß und erhaben wie Schiller, wenn wir Schiller lasen, krank und ironisch wie Thomas Mann, wenn wir Thomas Mann lasen, ... aber niemals lasen, dachten, fühlten wir so, wie wir selber waren.“

Die eigenen Wünsche und Interessen für nebensächlich zu halten, war einem schon zu Hause beigebracht worden. Wenn einem das Mittagessen nicht schmeckte, dann hätte man mal die Zeit erleben sollen, in der es nichts gab; wenn man sich Gedanken über das Dritte Reich machte, dann war man damals ja noch gar nicht geboren. So beschränkte man sich darauf, den Eltern Freude zu machen. Man ging dann aus dem Haus, man kam an die Universität, die Briefe an die Eltern glichen Rechenschaftsberichten. Man lernte, was die Studienordnung von einem verlangte, man lernte nicht für sich, sondern fürs Leben. Auch wollte man rasch fertig werden, damit man „es“ hinter sich hatte. In der Sprechstunde des Professors klopfte einem das Herz bis zum Hals. Das Referat hatte man gründlich vorbereitet, wenn man es im Seminar vortragen sollte, stotterte man. Mit der Zeit fiel das auf. Peter Schneider: „Wir sind nervös geworden, wir sind unlustig geworden, wir sind immer schwieriger geworden, wir litten an mangelnder Konzentration, wir konnten nicht einschlafen, wir konnten nicht beischlafen ...“

Mancher, dem die Ermordung Ohnesorgs instinktiv zum Gleichnis für die eigene Lebenssituation wurde, fand sich plötzlich in einem Niemandsland wieder. Die daheim soufflierten „Berufsziele“ zerrannen, das in der Schule auswendig gelernte Vertrauen in den freiheitlichen Rechtsstaat, auf den noch 1966 fünfundfünfzig Prozent der Studenten schworen, wurde angesichts brutaler Polizeieinsätze erschüttert. Nichts, woran man sich halten konnte. Außer an die Gefühle der Empörung und der Ohnmacht. „Heute Ohnesorg – morgen wir“, das war die ins Politische umgesetzte Formel jener unbestimmten Verfolgungsangst, die nun hinter dem von der Polizei überforderten Gehorsam hervorbrach, durch den man sich selber totgeschwiegen hatte.

Rudi Dutschke hat einmal, gesagt, nach dem 2. Juni sei alles viel zu schnell gegangen. Tatsächlich entwickelten sich viele eben noch folgsame Söhne in furchterregender Schnelligkeit zu Vorkämpfern für die vaterlose Gesellschaft. So notwendig der Kampf für den „Abbau oligarchischer Herrschaft“ war: die politischen Kampfparolen erzeugten bei den Aktivisten eine trügerische Sicherheit, die in Gegensatz stand zu der Ratlosigkeit, die sie angesichts ihrer persönlichen Schwierigkeiten befiel. Diese Ratlosigkeit wuchs in dem Maße, wie die Losungen radikaler wurden. Selbsthaß war die Folge. Da bekriegte Vaters Sohn das Individuum, das emanzipierte Subjekt, das er doch einerseits sein wollte, als eine rückständige „bürgerliche“ Einrichtung; persönliche Wünsche, die er schon zu Hause nicht entfalten durfte, geißelte er als „Privatismus“. Die Selbstverleugnung feierte bei den radikalen Linken Auferstehung. Der Schriftsteller und Germanist Peter Schneider machte da keine Ausnahme. Er erdrosselte seine Liebe zur Literatur und schrieb 1968: „Was wir sehen und erleben, ist überhaupt nicht mehr zu beschreiben, nur noch zu ändern.“ Gedichte und Romane klatschte er mit dem Fluch an die Wand, sie enthielten keine „Strategie, der Befreiung“; und statt zu lesen und zu schreiben empfahl er, in die „Rote Armee“ einzutreten (die damals noch nicht mit der RAF Ulrike Meinhofs identisch war).