Mysteriöses Protein beunruhigt die Geriater

Mehr als ein Jahrhundert lang fristete die chemische Substanz ein karges Leben in der Medizin. Entdeckt hatte sie der Nestor der Pathologie, Rudolf Virchow, doch nur wenige Wissenschaftler haben sich seither mit ihr näher beschäftigt. Das klinische Wörterbuch „Pschyrembel“ etwa widmet dem Stoff nur vier Zeilen. Amyloid, heißt es da, ist ein „unter krankhaften Umständen im Organismus entstehender Eiweißkörper unbekannter Zusammensetzung“.

Mit der Rolle eines Mauerblümchens in der medizinischen Forschung braucht sich das Amyloid (griechisch: stärkemehlähnlich), wie es nun scheint, nicht länger zu plagen. Vorletztes Wochenende lud die privatwissenschaftliche Vereinigung American Aging Association amerikanische Amyloid-Forscher zu ihrer Jahrestagung ein. Einziges Thema des Treffens: Welche Rolle spielt der Eiweißkörper im Alterungsprozeß?

Anlaß zur Tagung in New York waren neue Ergebnisse der Geriatrie- sowie der Amyloid-Forschung. Vorläufiges Fazit der Wissenschaftler: Noch sind Aufbau und Wirkung des Proteins in vollem Ausmaß zwar nicht hinreichend geklärt, immerhin aber dürfte dem Amyloid im Alterungsprozeß ein sehr viel gravierenderer Einfluß zuzuschreiben sein, als bisher angenommen war. Der Zeitpunkt zur Tagung der Aging Association war besonders günstig gewählt. Denn die Mediziner haben gerade eben begonnen, die wissenschaftliche Betrachtungsweise des Alterns neu zu überdenken. Unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten, meinen die Wissenschaftler, sollte das Altern betrachtet werden: Erstens der nur biologische Ablauf, dem jeder gesunde Mensch zwangsläufig unterworfen ist. Zum andern sollte gesondert in Betracht gezogen und entsprechend erforscht werden, wieweit chronischen Krankheiten, wie etwa Arteriosklerose oder Rheuma, den Alterungsprozeß beeinflussen.

Lebenserwartung blieb gleich

Nicht zuletzt die magere Kenntnis der Wissenschaftler über den kontinuierlichen Ablauf des Alterns (bereits von jugendlichen Jahren an) machen viele amerikanische Geriatrie-Forscher dafür verantwortlich, daß seit etwa zwei Jahrzehnten die Lebenserwartung der Menschen in den Industrienationen gleich geblieben ist: Durchschnittlich 70 Jahre alt werden die Menschen in den hochzivilisierten Staaten. Nach Ansicht des Harvard-Internisten Dr. Alexander Leaf, der jahrelang in abgelegenen Gebieten Ekuadors, der Sowjetunion und Kaschmirs Hundertjährigen-Forschung betrieben hat, ist die Lebensspanne der 70jährigen Westler viel zu klein. „Die außergewöhnlich hohen Lebensalter vergangener Zeiten“, meinte Leaf in New York, könnten auch die heute lebenden Menschen noch erreichen.

Eine Schlüsselrolle für die durchschnittliche Lebenserwartung und den generellen Alterungsprozeß sprachen die Wissenschaftler auf der New Yorker Tagung eben jenem bislang stiefmütterlich behandelten Amyloid zu. Das Protein, so fanden die Forscher heraus, ist in höherer Menge bei alten als bei jungen Menschen vorhanden. Die mit fortschreitendem Alter kumulierende Konzentration des Amyloids, das hauptsächlich in Nieren, Gehirn und Herz gefunden wird, machten die Mediziner in der Vergangenheit in erster Linie für eine Reihe typischer Alterserkrankungen verantwortlich. So etwa für die Amyloidose, eine Gewebsentartung, bei der Amyloid sich in den Geweben einlagert und sie fast holzhart werden läßt, aber auch für Arthritis und chronische Infektionen (Lepra, Tuberkulose). Überdies war das Protein, eine häufige Mit-Todesursache vieler an Paralyse erkrankter US-Soldaten im Koreakrieg. Und bei Mittelmeervölkern, so bei Türken, Syrern und Israelis, gilt die Amyloidose als eine verbreitete Erbkrankheit.