Der Europäische Gewerkschaftsbund will seine antikommunistische Haltung überprüfen

In der Brüsseler Zentrale des Europäischen Gewerkschaftsbundes EGB sind noch keine Aufnahmeanträge der kommunistischen Gewerkschaften Italiens und Frankreichs eingetroffen. Doch die Bosse des Dachverbandes der freien Gewerkschaften in Westeuropa werden noch im November darüber beraten, wie sie mit den Feinden von einst kooperieren können.

Grund für den Gesinnungswandel in dem als antikommunistischer Hochburg bekannten IBFG-Haus in der Brüsseler Innenstadt, wo die Internationale der freien Gewerkschaften mit ihrer Filiale, dem EGB, unter einem Dach haust, ist der west-östliche Klimawechsel. Schon vor einiger Zeit hatte sich die von Kommunisten und Sozialisten gemeinsam getragene italienische Gewerkschaft CGIL an den EGB mit der Bitte gewandt, die Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit in der Europäischen Gemeinschaft zu überprüfen.

Auf die Annäherung der Italiener folgte eine Absichtserklärung der französischen Genossen. Vor dem 8. Kongreß des kommunistisch gelenkten Weltgewerkschaftsbundes (WGB) im bulgarischen Seebad Varna sagte Georges Seguy, Generalsekretär der kommunistischen CGT, seine Organisation untersuche derzeit zusammen mit den Italienern die Möglichkeit eines Anschlusses an den EGB.

Die Funktionäre des EGB wollen, bis tatsächlich Aufnahmeanträge eintrudeln sollten, eine Bestandsaufnahme der gewerkschaftlichen Situation in den beiden Ländern machen. Aus rein juristischen Gründen wäre jedoch eine Mitgliedschaft der beiden kommunistischen Gewerkschaften Italiens und Frankreichs im EGB ausgeschlossen, denn nach den EGB-Statuten können nur Verbände Mitglieder sein, die auch dem IBFG angehören. Statt einer Mitgliedschaft sieht daher Otto Kersten, IBFG-Generalsekretär und in dieser Eigenschaft EGB-Vorstandsmitglied, zunächst nur Chancen für eine Kooperation.

Aus politischen Gründen freilich denken manche der Bosse im EGB-Vorstand anders. Der derzeitige EGB-Präsident und frühere Generalsekretär des britischen TUC, Victor Feather, schrieb vor kurzem in der sowjetischen Gewerkschaftszeitung "Trud", die Mitgliedschaft im EGB stehe allen europäischen Gewerkschaften offen. Die Sowjets verstanden Feathers Wink richtig, sahen aber davon ab, die EGB-Bosse durch einen Aufnahmeantrag in Verlegenheit zu bringen.

Das näherliegende Exerzierfeld gewerkschaftlicher Kooperation über die ideologischen Grenzen hinweg, die Zusammenarbeit mit Italiens CGIL und Frankreichs CGT, wird den EGB vor das Risiko des Verlustes seiner Gewerkschaftseinheit stellen. So ist die italienische Mitgliedsorganisation des EGB, die christlich-sozialdemokratische CISL unter Bruno Storti, für die Zusammenarbeit mit den Kommunisten, der französischen Mitgliedsverband Force Ouvrière jedoch dagegen. Diese drohte sogar mit dem Austritt.

Die kommunistische Annäherung zwingt die IBFG-Funktionäre gleichwohl, ihre Position auch gegenüber den osteuropäischen Gewerkschaften zu überdenken und den letzten Schlupfwinkel des kalten Krieges zu verlassen. Kersten: "Wir wollen auch Kontakte. Aber wir brauchen dafür keine gemeinsamen Organisationen." Damit soll dem Vorschlag einer pan-europäischen Gewerkschaftskonferenz, wie er zuletzt auch wieder in Varna vertreten wurde, ein Riegel vorgeschoben werden.-Kontakt und Dialog zwischen IBFG und WGB sollen im Rahmen der internationalen Arbeitsorganisation in Genf oder der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa stattfinden. Ein erstes Ost-West-Treffen der beiden Dachverbände ist für Januar in Genf geplant. Hans-Hagen Bremer