Ankara, im November

Bülent Ecevit, der designierte Ministerpräsident der Türkei, muß sich im Widerspruch behaupten: Er ist Vorsitzender der traditionsreichen, vom Schatten Kemal Atatürks überlagerten Republikanischen Volkspartei (MHP) – aber außer dem Namen hat diese Partei mit Atatürks alter Partei nicht mehr viel gemein. Aus der Staatspartei ist mittlerweile eine linke Volkspartei geworden, vergleichbar der deutschen Sozialdemokratie.

Als Ecevit im Streit um den Weg der Partei Ende März 1971 als Generalsekretär zurückgetreten war, attackierte er die Generalität und die Armee, deren faktische Machtübernahme er mit dem griechischen Militärputsch verglich. Doch seit seinem Sieg bei den türkischen Parlamentswahlen vom 14. Oktober wird er nicht müde, die zuvor beschimpften Militärs zu streicheln: eigentlich seien sie ja an Politik gar nicht interessiert, und er sei auch sicher, daß es für sie keine Notwendigkeit mehr geben werde, sich in die Regierungsgeschäfte einzumischen.

Als das Land am 30. Oktober mit viel Fröhlichkeit die Einweihung der Brücke über den Bosporus, den symbolischen Brückenschlag des asiatischen zum europäischen Kontinent feierte, fehlte unter den Staatsgästen der zur Zeit wichtigste türkische Politiker: Ecevit. Die fortschrittlichste, modernste Partei hatte das faszinierende 100-Millionen-Mark-Projekt als verschwenderisch angeprangert.

Den großen Widerspruch muß Bülent Ecevit freilich in diesen Tagen bei seinem Versuch überwinden, der Türkei eine Mehrheitsregierung zu geben. Unter den mancherlei theoretisch möglichen Regierungs- und Koalitionsmodellen (Minderheitsregierung der MHP, die 180 der 450 Parlamentssitze hat, Koalition mit Demirels sensationell geschlagener Gerechtigkeitspartei, mit der Demokratischen Partei oder der Nationalen Heilspartei des zweiten Überraschungsgewinners Professor Necmettin Erbakan [49 Sitze]) bleibt als einzig realistische Alternative das Bündnis mit der rechts angesiedelten Heilspartei Erbakans, wobei „rechts“ nur unzulänglich beschreibt, was diese politische Sammlungsbewegung repräsentiert: Nach dem Vorbild des Libyers Ghaddafi propagiert Erbakan die Rückbesinnung auf islamische Lebensvorstellungen und Sitten (Verbot von Miniröcken, Rückkehr zu türkischen Trachten); es finden sich Rudimente eines faschistischen Sozialismus (Ablehnung von Zinsen bei Kapitalverleih) und Chauvinismen (oberster Grundsatz sind ausschließlich türkische Interessen); Fremdenfeindlichkeit geht einher mit der Distanzierung zur Europäischen Gemeinschaft, der die Türkei bis 1986 voll assoziiert sein soll.

So gut wie alles an diesem Programm steht in Widerspruch zu den politischen Absichten Ecevits, der die laizistische Ausrichtung, westliche parlamentarisch-demokratische Gebräuche, die industrielle Stärkung der Türkei mit (allerdings scharf kontrollierter) ausländischer Hilfe sucht – und dem die volle Assoziierung der Türkei an die EG nicht genügt. Ecevit will die Mitgliedschaft in einer politischen Union, mit allen Implikationen, wie er sagt. Er empfindet Unbehagen, am Tête-à-tête der Großmächte, das der von traditionellen Ängsten vor dem russischen Nachbarn geplagten Türkei unheimlich ist.

Einen heilsamen Zwang zur Einigung könnte jedoch die immerfort drohende Intervention der Generale ausüben. Denn bei allen sachlichen Differenzen wollen weder Ecevit noch Erbakan ein neues Militärregiment, zumal die Spuren des alten noch sichtbar sind. Viele tausend politische Gefangene warten auf die versprochene Generalamnestie. Ecevit selbst möchte beweisen, daß die Türkei reif ist, ihre Erneuerung von unten zu wagen – während die Militärs, folgerichtig in Atatürks Bahnen denkend, die Revolution von oben weitertreiben möchten und dirigistischen Maßnahmen zuneigen.