Von Heinz Abosch

In der imposanten Phalanx der Pioniere Israels ist das Profil David Ben Gurions besonders markant. Seit der Gründung des Staates war dieser untersetzte kräftige Mann mit dem runden Schädel, den eindringlich klugen Augen und dem weißen Haarschopf fünfzehn Jahre lang – bis auf eine kurze Unterbrechung – Ministerpräsident und Verteidigungsminister. Aber schon lange vorher stand er an der Spitze der Jewish Agency, die den Keim des künftigen Staates bildete. So wurde Ben Gurion zum Symbol der Wiedergeburt Israels. Es war zwangsläufig, daß dieser gescheite und eigenwillige Streiter sowohl Bewunderung wie Ablehnung, hervorrief – wobei sich häufig, beides miteinander verband. Selbst der beharrliche Opponent Uri Avnery gesteht ein, daß ihm „der Architekt des Staates Israel... eine gewisse Art von Ehrfurcht“ einflöße. So stürmisch wie sein ganzes Leben war auch Ben Gurions Rückzug aus der Politik. Seit 1963 meditiert er im Kibbuz Sde Böker; der 87jährige blickt auf sein Lebenswerk zurück:

David Ben Gurion: „Israel. Die Geschichte eines Staates“; hrsg. und aus dem Hebräischen übersetzt von Moshe Tavor; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1973; 702 S., Abb., 82,– DM.

Der umfangreiche Band enthält einen Abriß der zionistischen Bewegung, eine Historie des israelischen Staates, persönliche Bekenntnisse über weltanschauliche und gesellschaftspolitische Probleme. Das größte Interesse beanspruchen selbstverständlich die Abschnitte über Ben Gurions Wirken, aber die Rekapitulation mancher historischer Fakten ist ebenfalls nützlich.

Wer denkt heute noch, da sich die Sowjetunion als Schutzmacht der Araber betätigt, an die Jahre 1947/48, als sich Gromyko mit höchstem Eifer für die Schaffung des Judenstaates einsetzte? Zurückhaltender waren damals die Westmächte. In der Regierung vergaß zum Beispiel die britische Labour-Partei jene Forderungen, die sie in der Opposition verfochten hatte. Auch Washington zögerte, nachdem es im November 1947 dem UN-Plan für die Teilung Palästinas zugestimmt .hatte. Der Autor bemerkt, in der amerikanischen Delegation habe es nur zwei Mitglieder gegeben, die den jüdischen Standpunkt unterstützten: das eine war Eleanor Roosevelt.

Ben Gurion war beharrlich; den schwankenden Großmächten setzte er seinen Willen entgegen: „Wir selber entscheiden über unser Schicksal im Lande und werden keiner Art von Treuhänderschaft zustimmen. Wir wollen kein fremdes Joch mehr annehmen.“ Der Kurs auf den eigenen Staat war unwiderruflich. Der skeptischen Frage des französischen Außenministers Bidault: „Wie kann ein Judenstaat ohne jüdische Mehrheit entstehen?“, entgegnete der Chef des werdencen Staates: „Wie schon so oft in der Vergangenheit werden wir abermals beweisen, daß wenige vielen erfolgreich Widerstand leisten können.“

Ein Vierteljahrhundert lang mußte Israel mit Opfern die Wahrheit dieses Satzes bezeugen. Ben Gurions Bedeutung für den Aufbau der israelischen Armee kann kaum überschätzt werden. Während viele Juden eine friedliche Lösung erhofften, rechnete er mit Krieg. Ben Gurion mußte kämpfen – zunächst, um seine Glaubensgenossen zu überzeugen. Im Juni 1947 hämmerte er dem Oberkommando ein: „Wir haben Angriffe nicht nur der Araber Palästinas, sondern auch der umliegenden arabischen Staaten zu erwarten.“ Diese Warnung, als Schwarzmalerei angeprangert, bestätigte sich 1948, als sieben Araberstaaten Israel auslöschen wollten.