Von Ingo von Münch

Im Sommer 1945 durften deutsche Soldaten, die in englische Kriegsgefangenschaft geraten waren, eine 25-Worte-Karte an ihre Familien schreiben. Der Vordruck, der von dem Gefangenen zu unterschreiben war, begann mit den Worten: „Ein Mitglied der geschlagenen Wehrmacht sucht seine Angehörigen.“ Daß die Wehrmacht geschlagen war, ließ sich nicht bestreiten, doch waren Schreiber und Empfänger froh, daß überhaupt geschrieben und Ungewißheit über das persönliche Schicksal beseitigt werden konnte. Das Ehrgefühl von Kriegsgefangenen wird nicht auf Samtkissen gebettet, und die Lager des Zweiten Weltkrieges haben Schlimmeres gesehen.

Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges standen Pate, als am 12. August 1949 in Genf das Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen abgeschlossen wurde. Zusammen mit drei weiteren, am selben Tage vereinbarten Verträgen über die Behandlung von Verwundeten, Schiffbrüchigen und den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten sollte das Gefangenenabkommen Kriege und andere bewaffnete Konflikte humanisieren. Die im Vergleich zu anderen völkerrechtlichen Verträgen ungewöhnlich hohe Zahl von Ratifikationen (darunter auch durch die Bundesrepublik, die DDR und alle am Nahostkrieg beteiligten Staaten) beweist, wie positiv das internationale Echo auf hatte Bemühen war.

Im Koreakrieg hatte das Kriegsgefangenen-Regelungen seine Feuertaufe zu bestehen. Die Regelungen haben sich damals im großen und ganzen bewährt, auch wenn sich, herausstellte, daß es einige Lücken gab. So war es unklar, ob sich die Verpflichtung, die Kriegsgefangenen nach Beendigung der Feindseligkeiten heimzuschaffen, auch auf diejenigen Kriegsgefangenen erstreckt, die gerade nicht in ihr Heimatland zurückkehren wollen – was im Koreakrieg auf viele Nordkoreaner und Chinesen zutraf – oder wer die verantwortliche Gewahrsamsmacht für die Gefangenen in einem Krieg ist, der nicht nach klassischer Manier von einem Staat gegen einen anderen Staat geführt wird, sondern in dem Truppen unter einem vereinigten Kommando unter der Flagge der Vereinten Nationen kämpfen. Es ist bedauerlich, daß sich die Autoren des Genfer Abkommens auf Details wie Grußpflichten in Lagern und Verteilung von Überschüssen der Lagerkantine bei Auflösung des Lagers kapriziert, aber andere ungleich wichtigere Fragen nicht geregelt haben.

Jetzt – im November 1973 – stehen das Kriegsgefangenenabkommen und die Vertragstreue seiner Partner in Nahost auf dem Prüfstand. Welche Verpflichtungen obliegen den Israelis und ihren Gegnern, und wurden diese Verpflichtungen erfüllt?

Die Bilder liefen um die Welt: israelische Gefangene, mit tiefgesenktem Kopf, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, im syrischen Fernsehen zur Schau gestellt; ägyptische Gefangene, gefesselt und bis auf Unterhose und Unterhemd ausgezogen, auf israelischen Militärlastwagen als Photobeute für Reporter; Luftangriffe an der Front – Soldaten in Bunkern, Gefangene schutzlos draußen; Angehörige von Israelis bei der Durchsicht von Photos, um über den Verbleib der Verschollenen etwas zu erfahren, weil die arabische Seite keine Gefangenenlisten schickt. Was sagt das Genfer Abkommen dazu?

Nach Artikel 13 müssen die Kriegsgefangenen jederzeit mit Menschlichkeit behandelt werden; auch sollen sie vor Gewalttätigkeit, Einschüchterung, Beleidigung und öffentlicher Neugier geschützt werden. Eine andere Bestimmung gewährleistet ihnen „unter allen Umständen“ Anspruch auf Achtung ihrer Person und ihrer Ehre. Artikel 70 fordert, jedem Kriegsgefangenen wird unmittelbar nach seiner Gefangennahme, spätestens aber eine Woche nach seiner Ankunft in einem Lager, Gelegenheit gegeben, an seine Familie und an die Zentralstelle für Gefangene in Genf je eine Karte zu senden. Schon bei Ausbruch eines Konflikts muß jede der am Konflikt beteiligten Parteien ein amtliches Auskunftsbüro für die in ihre Hand fallenden Kriegsgefangenen einrichten; binnen kürzestmöglicher Frist sind die Gefangenenlisten dem Büro zu übergeben, das seinerseits „unverzüglich auf schnellstem Wege“ dem Heimatstaat der Gefangenen Auskünfte erteilt.