Gegen die Erpressungsmanöver der Ölscheichs hilft nur Solidarität

Von Theo Sommer

Während des Yom-Kippur-Krieges hat Westeuropa den Amerikanern ans Schienbein getreten – um seine Erdölzufuhr zu retten. Wird Westeuropa jetzt, um des lieben Öles willen, Arabiens Petroleumfürsten die Füße küssen?

Nehmen wir an, die arabischen Öllieferanten setzten alles in die Tat um, was sie während der letzten Wochen angekündigt haben; unterstellen wir, ihre momentane Einigkeit und Entschiedenheit versackte nicht abermals in levantinischer Zwietracht oder Apathie. Was sie damit vom Zaune brächen, wäre der größte Wirtschaftskrieg seit Napoleons Kontinentalsperre. Es wäre zugleich der härteste Monopoleinsatz, das ehrgeizigste wirtschaftliche Erpressungsmanöver zu politischen Zwecken, das die Weltgeschichte je gesehen hat. Und der Hauptleidtragende wäre die Europäische Gemeinschaft:

Schon haben Hollands Autofahrer einen Sonntag lang auf ihr Gefährt verzichten müssen. Die Akropolis wird seit dem vorigen Wochenende nicht mehr angestrahlt. Wenn der arabische Boykott Gestalt annimmt – und erst das letzte Novemberdrittel wird uns Aufschluß bringen, wie ernsthaft, wie total er wirklich ist –, dann werden auch anderwärts in Europa die Lichter ausgehen. Rund ein Fünftel der Öllieferungen würde ausfallen. Der Energieengpaß aber müßte nicht nur den Autoverkehr lähmen, er könnte auch einen Konjunktureinbruch von katastrophalen Ausmaßen heraufbeschwören. Die Europäer würden nicht bloß frieren und zu Fuß gehen. Wichtige Zweige ihrer Industrie kämen zum Erliegen.

Die arabischen Ölförderländer tragen ihren Angriff an mehreren Fronten vor. Zum einen drosseln sie die Ölproduktion – nach den jüngsten Beschlüssen um insgesamt 25 Prozent gegenüber dem Monat September. Zum zweiten ziehen sie die Preisschraube ständig weiter an – seit 1970 haben sie den Preis mindestens verdreifacht, zuletzt in einem einzigen Rutsch um 70 Prozent. Zum dritten versetzten sie die großen Mineralölfirmen durch stufenweise Verstaatlichung nach und nach überall in eine Position, in der nicht mehr die internationalen Gesellschaften, sondern die arabischen Regierungen das Heft in der Hand haben.

Die Stellung der orientalischen Förderstaaten ist stark. In ihren menschenleeren Ländern – dort leben nur 3 Prozent der Weltbevölkerung – lagern über 60 Prozent aller Ölreserven der Welt. In einem Zeitalter, in dem sich der Energiebedarf der Industriestaaten im Laufe eines jeden Jahrzehnts verdoppelt, sind sie die einzigen, die den wachsenden Öldurst stillen können. Aus einem Käufermarkt ist binnen zehn Jahren ein Verkäufermarkt geworden.