Die Angeklagten waren Randfiguren Sinnt die DDR auf Vergeltung?

Von Joachim Nawrocki

Berlin, im November

Manchmal war es bedrückend: wenn eine Ärztin schilderte, wie sie am Kontrollpunkt Marienborn mit Ehemann und drei Kindern mehr als eine Stunde, im Kofferraum eines Opel „Kapitän“ verbrachte, wie die Luft knapp wurde, die Kinder unruhig und „schweißig“ und wie dann von innen zu hören war, daß die DDR-Grenzer die Öffnung des Kofferraums verlangten. Oder wenn eine Krankenschwester die Umstände ihrer mißglückten Flucht beschrieb: Die Knie werden weich, ein Stuhl wird ihr hingeschoben; ihr Mann, so kommt es heraus, – sitzt in Haft, weil die DDR ihm Spionage für die Bundesrepublik vorwarf. Oder wenn der sehr gelassen wirkende Barnim Barg berichtet, wie er nach seiner Flucht aus der DDR zum Mitarbeiter, einer Fluchthelferorganisation wurde, wie alle Versuche, Frau und Kind auf legalem Wege nachzuholen, aussichtslos erschienen.

Doch meistens ging es im Ost-Berliner Fluchthelferprozeß nüchtern zu, höflich und regelrecht gelockert. Man redete sich mit „Hohes Gericht“ und „Herr Zeuge“ an. Unterschiede im Sprachgebrauch wurden ohne Vorwurf berichtigt. Dr. Hugot, Direktor des Stadtgerichts von Groß-Berlin: „Wenn Sie Ost-Berlin sagen, meinen Sie...“ Zeuge Neidhardt: „... die Hauptstadt der DDR, entschuldigen Sie bitte.“ Lachen im Saal, als zur Sprache kommt, der Spitzname des langhaarigen Angeklagten Voß sei „Glatze“ gewesen.

Dann Norbert Geppert, Maurer aus West-Berlin, der auch in der Haft seine Berliner Schnoddrigkeit nicht verloren hat. Hugot: „Sie sollen dem Gericht etwas sagen über Praktiken auf den Transitwegen.“ Der Mann erzählt, er habe etwas viel getrunken, sei „abgebrannt“ und „im Abrutschen“ gewesen, als er in einer Kneipe für die Fluchthilfe angeworben wurde. Auf die Frage, ob das denn seinen Absichten entsprochen habe, keine „linken Sachen“ zu machen, meint er treuherzig: „Nee, janz und jar nich.“

Dennoch machte er schließlich mit, auch dann noch, als in West-Berlin sein Führerschein eingezogen worden war. Auf einer Fahrt in die DDR, berichtet er, war er nach durchzechter Nacht „noch nicht ganz da“. Bei der Kontrolle auf der DDR-Seite mußte er in die Tüte blasen, man fragte nach seinem Führerschein, „den hatte ick ja nich...“. Der Vorsitzende moniert die Fröhlichkeit des Tones, darauf der Zeuge: „Es is ja ’n Witz, wenn man es so betrachtet.“