Von Hartmut von Hentig

Als Horace Mann vor 135 Jahren im Staate Massachusetts die allgemeine öffentliche Schule einführte, erwartete er von ihr den Ausgleich der großen sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Unterschiede, die fortgesetzte Regulierung der gesellschaftlichen Prozesse und die Abschaffung von Armut, Verbrechen und Krankheit. Diese Erwartungen waren für ihn wie für seine Gegner gleich geläufig. Meinungsverschiedenheiten gab es nur darüber, wer zahlen sollte.

Als Helmut Schelsky in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts den Deutschen erklärte, die Schule sei eine Zuteilungsapparatur für Sozialchancen, wirkte sein Wort wie eine obszöne Enthüllung. Die deutschen Gebildeten haben die gesellschaftliche Funktion der Schule nur ungern wahrgenommen. Um so leichter konnte die Schule – ohne gesellschaftlichen Widerstand – von den Mächtigen benutzt (zum Beispiel in der Restauration nach 1848) oder pervertiert werden (zum Beispiel im Nationalsozialismus).

So wird das Buch, das hier zu besprechen ist, in Deutschland vermutlich eine andere Wirkung haben als in den USA, aus denen es kommt und von deren Schulen es handelt.

In den USA hat es einen Schock ausgelöst. Bei uns könnte es eine – falsche Erleichterung auslösen: Es könnte die apolitische Auffassung von Schule und Bildung in dem Augenblick bestätigen, in dem wir endlich den Zusammenhang zwischen der Verteilung von Bildüngschäncen und der Verteilung von Macht, Reichtum, Ansehen und politischem Selbstbewußtsein öffentlich zu akzeptieren beginnen.

Die mit bemerkenswerter Geschwindigkeit hergestellte deutsche Ausgabe scheint dem Rechnung zu tragen: mit gleich zwei warnenden Einführungen und einem veränderten Titel. Es handelt sich um das Buch von Christopher Jencks (und anderen), das im Amerikanischen „Inequality – A Reassessment of the Effect of Family and Schooling in America“ (New York/London, 1972; Basic Books) heißt und im Deutschen einfach „Chancengleichheit“ –

Christopher Jencks (mit einer Forschungsgruppe vom Center for Educational Policy Research an der Harvard University: Marshall Smith, Henry Acland, Mary Jo Bane, David Cohen, Herbert Gintis, Barbara Heyns, Stephan Michelson): „Chancengleichheit“, mit einem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Professor Hellmut Becker sowie einer erläuternden Einführung von Dr. Lothar Krappmann, aus dem Amerikanischen von Jürgen Abel; Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1973; 440 S., 19,80 DM.