Im Rekord-Defizit der Handelsbilanz zeigen sich die Folgen der Krise von 1968

Haben die Italiener ihre Exporterfolge verfrühstückt, oder ist die heimliche Kapitalausfuhr daran schuld, daß die Zahlungsbilanz des Landes in den ersten acht Monaten dieses Jahres ein Defizit von 1870 Milliarden Lire (drei Milliarden Dollar) aufweist – immerhin nur etwas weniger als die Hälfte des USamerikanischen Defizits für das gesamte Jahr 1972. „Ende dieses Jahres wird das Loch in der Handelsbilanz so tief sein wie nie zuvor“, prophezeite Italiens Außenhandelsminister Matteo Matteotti.

Seit Jahresanfang wuchs die Einfuhr fast doppelt so schnell wie die Ausfuhr. Im Juli etwa führte Italien um 20 Prozent mehr aus als ein Jahr zuvor, importierte aber gleichzeitig 35 Prozent mehr. Die südlichen EG-Nachbarn erscheinen schier unersättlich: Drei Viertel des Fehlbetrages in der Handelsbilanz geht auf landwirtschaftliche Importe, vor allem Fleischeinfuhren zurück. Mit ein Grund dafür, daß Italien in Brüssel eine Abwertung der „grünen Lira“ durchsetzte, der Verrechnungsbasis zum monetären Ausgleich von Wettbewerbsnachteilen bei der Ausfuhr landwirtschaftlicher EG-Produkte nach Italien. Diese Ausfuhren, so hofft man in Rom, werden dadurch uninteressanter, daß sie in den Ursprungsländern nicht mehr in der gleichen Höhe wie bisher subventioniert werden.

Allerdings ist die angespannte Lage der italienischen Außenhandelsbilanz nicht nur eine Folge der Abwertung der „grünen Lira“ oder des Wunsches der Italiener, gut und reichlich zu essen. Vielmehr bekommt das Land jetzt die Rechnung für die Wirtschaftskrise seit dem heißen Herbst 1968 präsentiert. Die Bemühungen der Währungsbehörden, nach der Freigabe des Lirakurses mit einem ausgeklügelten System von Devisenkontrollen, Kapitalexportverboten und Kapitalmarktmanövern alle Löcher zu stopfen, durch die das Geld ins Ausland fließt, hatten bisher nur bedingten Erfolg. Das liegt zum Teil am ungleich größeren Erfindungsreichtum der italienischen Kapitalexporteure. Die amtliche Einteilung in Handelslira, Banknotenlira und Finanzlira begünstigt überdies Spekulationen.

Daß nur noch schlecht informierte oder in Notlage befindliche Auslandstouristen in den amtlichen Wechselstuben zu niedrigem Handelskurs tauschen, ist verständlich. Überrascht waren jedoch die Behörden, daß selbst der günstige Banknotenkurs die harten Währungen nicht mehr in die Tresore der Kreditinstitute lockt. Im August verminderten sich die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus, obwohl die Zahl der Touristen und die Preise beträchtlich höher lagen als vor Jahresfrist. Zudem haben die Gastarbeiter den Milliardenfluß ihrer Devisenüberweisungen gestoppt und ihren mühsam erarbeiteten Lohn lukrativer angelegt. Touristen und Gastarbeiter aber haben bisher noch immer dafür gesorgt, daß Italiens Zahlungsbilanz stets aktiv war.

Die beliebteste Methode, Geld ins Ausland zu schaffen, führt über den Goldschmuggel. Im vergangenen Jahr importierte Italien noch offiziell für zwei Milliarden Mark 420 Tonnen Rohgold. Das ist fast halb soviel wie der gesamte Aufwand für die Einfuhr von Rohstoffen. Freilich verfügt Italien auch über eine große goldverarbeitende Industrie. Da indessen jede Goldeinfuhr monatelang vorher angemeldet werden muß und außerdem seit dem 1. Januar dieses Jahres mit zwölf Prozent Mehrwertsteuer belegt ist, bringen flinke Schmuggler die heiße Ware termingerecht und steuerlos ins Land. Die Folge: In den ersten drei Monaten dieses Jahres ist die offizielle Goldeinfuhr von 85 auf 31 Tonnen zurückgegangen. Privat, so schätzt man, haben die Italiener in den letzten drei Jahren für mehr als sechs Milliarden Mark Gold aufgehäuft.

Goldrausch, Kapitalexport und Währungsschwarzhandel sind Zeichen für das immer noch nicht zurückgekehrte Vertrauen in die sozialpolitische Entwicklung. Bleibt zu erklären, weshalb Italiens Export bisher nicht so gestiegen ist, wie es die internationale Nachfrage erwarten ließ.