Von Werner Hornung

Die Gegenwart ist die Vergangenheit der Zukunft; weniger belletristisch formuliert lautet diese Binsenweisheit so: Heutige Entscheidungen und Ereignisse formen den Zustand unserer Welt von morgen. Gegenwärtige Fehler etwa können sich spätestens schon übermorgen drastisch auswirken, geraten – wenn man momentanen Bestsellern glauben darf – eventuell zu handfesten Katastrophen.

Diese Feststellung hängt freilich vom Standpunkt ab, ist eine Frage der Definition, denn möglicherweise leben wir bereits in und mit solchen Katastrophen. Überspitzt gesagt: Der Weltuntergang ist kein Privileg künftiger Generationen, sondern Weltuntergang, ist täglich – in nordamerikanischen Gettos, chilenischen Gefängnissen, sowjetischen Irrenanstalten, indischen Dörfern. Das klingt nach Pathos, vielleicht nach Pessimismus und ist doch bloß knappe Bestandsaufnahme einer krisenreichen Zeit.

Kritik und Protest regen sich infolgedessen beinahe allerorten, und entsprechende Literatur gibt es mittlerweile gleich stapelweise. Ein Angst machendes Schwarzbuch für die „schweigende Mehrheit“, eine Kritik aus der rechten Ecke schrieb zum Beispiel Karl Steinbuch mit seiner „Kurskorrektur“. Nun liegt hierzu eine Art Gegenbuch vor, ein Hoffnung machendes Grünbuch:

Robert Jungk: „Der Jahrtausendmensch. Bericht aus den Werkstätten der neuen Gesellschaft“; C. Bertelsmann Verlag, München 1973; 438 S., 29,80 DM.

Der sechzigjährige Professor und Publizist Robert Jungk, bekannt geworden durch seine Bücher „Die Zukunft hat schon begonnen“ und „Heller als tausend Sonnen“, macht uns Mut: Der Mensch hat erst begonnen! Er berichtet, der Untertitel deutet es an, aus den Werkstätten der neuen Gesellschaft, also von der Vorwegnahme veränderter Verhältnisse. Und seine Bilanz dabei, das sei jetzt schon gesagt, wird positiv abgeschlossen. Die düsteren Farben eines Karl Steinbuch sind ihm fremd.

Bereits im Vorwort heißt es: „Fazit: Der Mensch ist nicht am Ende. Herausgefordert durch tödliche Gefahren, beginnt er sich erst jetzt voll zu entfalten.“ An Hand vieler Beispiele aus den Bereichen Technik, Psychologie, Pädagogik, Politik und Anthropologie versucht Jungk diese optimistische These zu belegen. Seit Jahren besucht er Tagungen und Seminare; in den Pausengesprächen schnappte er wichtige Hintergrundinformationen auf; nach Kongreßende waren seine Taschen prallvoll mit Verlautbarungen und Beschlüssen; seit Jahren hält er Kontakt zur wissenschaftlichen Avantgarde rund um den Erdball: zu mehr oder weniger skurrilen „Jahrtausendmenschen“, zu experimentierfreudigen, nonkonformistischen Zeitgenossen. Ein Großteil dieses Materials, dieser Erfahrungen findet sich nun im vorliegenden Band. Fünf umfangreiche Kapitel, anschaulich geschrieben, allesamt leicht lesbar an einem ruhigen Wochenende.