ARD, Montag, 5. November: „Kitsch und Konsum“, von Dieter Magnus

Eine Antwort auf die Frage, was Kitsch sei, ist noch keinem Kulturkritiker schwergefallen. Zwar wird gern betont, Kitsch lasse sich eigentlich gar nicht definieren und man solle ja auch über Geschmack nicht streiten, aber diese Diagnose allgemeiner Desorientierung wird dann nur desto kräftiger dazu benützt, wahrhafte Herrenurteile über den Kitsch zu verhängen.

Und wirklich hat man vom Lore-Roman bis zum legendären röhrenden Hirsch leichtes Spiel mit dem Kitsch, wenn, ja, wenn man nur weiß, was wirkliche, echte, wahre Kunst ist. Und das wußten sie fast alle, die Persönlichkeiten aus dem Kulturleben, die in dieser Sendung zu Wort kamen. Der Kunsthistoriker, der aristokratisch zwischen dem einmaligen Originalkunstwerk und seinen massenhaft produzierten, also kitschigen Imitationen unterschied. Der Musikkritiker, der den edlen Jazz von Miles Davis und Charlie Parker, diese Musik mit der intensiven „emotionalen und intellektuellen“ Ausstrahlungskraft, hoch, hoch erhob über das verkaufsträchtige Treiben des Alice Cooper, dieses „Agenten der Musikindustrie“. Der Philosoph, der die Kitsch-Produkte bezichtigte, „von den wirklichen Problemen“ abzulenken.

Aber trotz dieser aus feudalen Reminiszenzen und massenfeindlichem Bildungsgetue bestehenden Kitsch-Kritik blieb die lästige Tatsache, daß Kitsch konsumiert und produziert wird. Wie ist das zu erklären? Da war nun vor allem der Sozialwissenschaftler aufgerufen, sein Sprüchlein aufzusagen. Kitsch spiegelt nicht den Publikumsgeschmack wider, sondern sei lediglich die Produktion von Massenwaren, die geschickt unter die Leute gebracht würden. Und am Ende der Sendung wurde das linke Ammenmärchen noch einmal erzählt: raffinierte Massenpsychologen produzieren Kitsch, Leute, die wissen, wie sie ans Volk rankommen.

Der Vorwurf der Vereinfachung trifft nicht nur auf den Kitsch, sondern auch auf eine Kitsch-Kritik zu, die die dialektische Beziehung von Bedürfnis und Produktion auflöst in einen negativen Personenkult der Produzenten.

Christian Schultz-Gerstein