François Truffauts 50-Stunden-lnterview Von Wolf Donner

Eva Marie Saint hängt an einem Felsen des Mount Rushmore, Cary Grant reicht ihr von einer Felsplatte aus hilfreich die Hand – und zieht sie im nächsten Bild lachend ins obere Bett eines Schlafwagenabteils. Was dann folgt, nennt Hitchcock „die impertinenteste Schlußeinstellung, die ich je gemacht habe“: Der Zug fährt in einen Tunnel, damit ist der Film „Der unsichtbare Dritte“ zu Ende.

Erotische Symbole, kaschierten Sex und ambivalente Bilder dieser Art liebt Alfred Hitchcock und schildert sie mit sichtlichem Vergnügen. Warum er immer wieder die mondänen kühlen Blonden bevorzugt? „Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden. Der armen Marilyn Monroe konnte man den Sex vom Gesicht ablesen, auch Brigitte Bardot, und das ist nicht besonders fein ... Eine junge Engländerin mag daherkommen wie eine Lehrerin, aber wenn Sie mit ihr in ein Taxi steigen, überrascht sie Sie damit, daß sie Ihnen in den Hosenschlitz greift.“

Man kennt Hitchcocks Art zu reden, kennt seine Ansichten über sich, seine Filme, seine Schauspieler, seine Arbeitsweise, seine berühmten Einfälle und Kniffe; einige Zitate und Definitionen sind allen Cineasten seit Jahren geläufig. Das Buch, aus dem sie stammen, ist jetzt endlich auf deutsch erschienen –

François Truffaut: „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, aus dem Französischen von Frieda Grafe und Enno Patalas; Carl Hanser Verlag, München, 1973; 355 S., 277 Abb., 34,– DM.

Schon als junger Filmkritiker hatte Truffaut den Wunsch gehabt, „Hitchcock zu befragen wie Ödipus das Orakel“. Später, in Hollywood, realisierte er „dieses verbale Marathon“: ein Interview von rund fünfzig Stunden, schön chronologisch über Hitchcocks rund fünfzig Filme, ein ganz verrücktes Unternehmen und auch eines der wichtigsten und bekanntesten und schönsten Werke der Filmliteratur.

Kommt es dennoch ein paar Jahre zu spät? Die deutsche Ausgabe ist über ein halbes Jahr auf dem Markt, sie verkauft sich nur mäßig und ist in der Presse nahezu untergegangen. 1966 noch war Hitchcock für Truffaut „bisher so sehr unterschätzt worden“ – inzwischen ist die europäische Hitchcock-Begeisterung eher einer gelassen-ehrerbietigen, teils schon wieder kritischen Sicht gewichen; er ist im Parnaß der Filmgeschichte eingezogen und hat das Publikum der ganzen Welt erobert. Der Rudi des Klassikers könnte also einem Buch im Wege stehen, das wichtiger, amüsanter und aktueller ist als ein großer Teil der augenblicklichen Schwemme an Filmliteratur, der historischen und aktuellen Theoretiker, der immer neuen Aufsatzsammlungen, der Starporträts und Autobiographien.