Von Walther Knabe

Juri Gagarin genügten 108 Minuten, um in die Weltgeschichte einzugehen. Frank Borman und James Lovell erregten mit ihrem 330stündigen Flug mit Gemini 7 im Dezember 1965, vier Jahre nach Gagarins erstem Raumflug, schon weit weniger Aufsehen. Nur 195 Stunden dauerte, die historische Mondreise von Apollo 11, als Neil Armstrong und Edwin Aldrin als erste Menschen den Erdtrabanten betraten.

Die 28 Tage Schwerelosigkeit in der US-Raumstation Skylab, die Charles Conrad, Dr. Joseph Kerwin und Paul Weitz im Frühjahr erlebten, waren neuer Rekord. Schon drei Monate später, nach der Rückkehr der zweiten Skylab-Besatzung am 25. September, stand die Marke auf zwei Monaten: Alan Bean, Owen Garriott und Jack Lousma lebten 59 Tage im All. Doch ihre Bestleistung interessierte allenfalls noch die Statistiker.

An diesem Samstag, um 17.54 Uhr mitteleuropäischer Zeit, starten amerikanische Astronauten abermals zu einem neuen Rekordflug. 84 Tage lang sollen Kommandant Gerald Carr‚ Wissenschaftspilot Edward Gibson und Pilot William Pogue im Himmelslabor rund 1300mal. um die Erde kreisen: fast schon eine Zeitspanne für interplanetare Raumflüge. Ursprünglich nur für 56 Tage geplant, stößt diese vorerst letzte bemannte Wissenschaftsmission im All an die Grenze des derzeit Möglichen. Wenn dieses Superprogramm reibungslos abläuft, dann haben die Wissenschaftler auf der Erde – darin sind sich die Experten sicher – noch für Jahre zu tun, um die Ausbeute des Drei-Monats-Fluges zu-sichten. Robert Noyes vom Harvard College Observatory: „Wir werden wahrscheinlich in der überschaubaren Zukunft nie wieder eine solche Gelegenheit haben.“ Dennoch scheint den Astronauten schon heute das Desinteresse der Weltöffentlichkeit sicher.

Astronomen wie Noyes dagegen, durch annähernd 100 000 Photos von Sonne und Weltraum allein der zweiten Skylab-Mannschaft ohnehin verwöhnt, fiebern einem eilig erstellten Sonderprogramm des dritten Fluges entgegen: der „Operation Kohoutek“. Sie soll das Jahrhundertereignis des nahenden Riesenkometen optimal erforschen – durch eine konzertierte Aktion von erdgebundenen Observatorien, Satelliten, Raumsonden und vor. allem, durch die 300-Millionen-Mark-Teleskope von Skylab.

Der Komet – in vergangenen Zeiten als Unglücksbringer verrufen – scheint dem pannenreich gestarteten Skylab-Programm zu später Fortüne zu verhelfen. Denn erst in der Nacht vom 7. auf den 8. März dieses Jahres entdeckte der tschechische Astronom Dr. Lubos Kohoutek zufällig den damals noch äußerst schwach leuchtenden Schweifstern. Kohoutek suchte damals mit dem großen Schmidt-Spiegel der Sternwarte Hamburg-Bergedorf eigentlich kleine Planeten. Während in Europa zunächst nichts über die Entdeckung zu vernehmen war, kannten amerikanische Astronomen, die die Bahnberechnung vorgenommen hatten, sofort die einmalige Beobachtungschance, die sich durch das längst geplante Skylab-Programm auftat: Der Komet Kohoutek (wie der Schweifstern inzwischen nach seinem Entdecker benannt worden war) rückt der Sonne bis auf 21 Millionen Kilometer nahe – fast dreimal näher als der sonnennächste Planet Merkur. Ein riesiger Schweif, der durch den Strahlungs- und Partikelstrom von der Sonne hervorgerufen wird, ist bei der relativ großen Masse der Kometen sicher.

Die Himmelslaboranten Carr, Gibson und Pogue kommen damit in den Genuß, fast drei Monate lang von einer Loge im Weltraum aus den außergewöhnlichen Flug des Kometen Kohoutek dicht an der Sonne vorbei verfolgen zu können. Besonders der Wissenschaftspilot Edward Gibson, ein Doktor der Physik, freut sich über den schicksalhaften Zufall, daß gerade er die Kometen-Mission mitfliegen kann: Gibson ist Spezialist für Plasmaphysik Aus Plasma– elektrisch geladenem Gas – aber besteht ein großer Teil des Kometen, vor allein der spektakutare Sch weif Da der Forschungsastronaut zusätzlich in seiner Freizeit Sonnenbeobachtung betreibt, haben die Astronomen den idealen Mann im All, um die immer noch strittigen Rätsel der Kometen zu lösen: Ist der Komet ein „schmutziger Schneeball“ aus Staub, Eis und gefrorenem Gas, zur Urzeit des Sonnensystems entstanden, oder hat der Fremdling aus den Tiefen des Alls gar keinen festen Kern?