DIE ZEIT

Proporz-Poker

Der Skandal der Intendantenwahl am Norddeutschen Rundfunk (NDR) ist beispiellos. Noch nie wurde eine Rundfunkanstalt mit solcher Anmaßung und Unverfrorenheit zum Tummelplatz heillosen Parteiproporzes gemacht.

Absage an Richard Nixon

Die Tragödie wird zum Satyrspiel. Von jenen Watergate-Tonbändern, die Nixon monatelang mit allen Droh- und Machtmitteln des Präsidenten zurückhielt, die er dann unter dem Druck wachsender Empörung freigab, sind nun zwei verschwunden – und, wie könnte es anders sein, ausgerechnet jene, die für die Aufklärung am interessantesten waren.

Honecker wird hart

Berlin ist ein Seismograph für politische Veränderungen – auch nach dem Viermächteabkommen, das Berlin als Konfliktherd nicht ganz zu entschärfen vermocht hat.

Worte der Woche

„Bild bittet alle deutschen Autofahrer, die am Wochenende nach Holland fahren: Helfen Sie unseren Nachbarn! Nehmen Sie in Ihrem Wagen Holländer mit, die wegen der Ölkrise sonntags nicht Auto fahren dürfen.

DKP-Parteitag: Proletarier im Luxushotel

Die Alten beschwören ihn immer wieder: den Heros und Märtyrer der deutschen Kommunisten, Ernst „Teddy“ Thälmann. Aber wenn sie Seinen Namen nennen, klingt es, als wünschten sie sich fort aus diesem Saal, aus den mit dicken Teppichen ausgelegten Foyers, weg vom sterilen Prunk des Hamburger Congress Centrums.

Zeitspiegel

Der Bayernbund e. V. verschickte folgende Pressemitteilung: „Nach Meldungen verschiedener Presseorgane soll der Bayernbund in einer Eingabe an den Herrn Bayerischen Ministerpräsidenten die ‚Verbannung‘ beziehungsweise das ‚Verbot‘ der Bundesflagge in Bayern gefordert haben.

Fluchthelferprozeß in Ost-Berlin: Geschnappt, verurteilt, angeschwärzt

Manchmal war es bedrückend: wenn eine Ärztin schilderte, wie sie am Kontrollpunkt Marienborn mit Ehemann und drei Kindern mehr als eine Stunde, im Kofferraum eines Opel „Kapitän“ verbrachte, wie die Luft knapp wurde, die Kinder unruhig und „schweißig“ und wie dann von innen zu hören war, daß die DDR-Grenzer die Öffnung des Kofferraums verlangten.

Gesucht: Politik aus einem Guß

Nie zuvor in der Geschichte der Europäischen Gemeinschaft ist der Wunsch nach Solidarität dringlicher geäußert worden, als jetzt.

Bonner Koalition: Risse im Regierungsbündnis

Die Arbeitsbedingungen der sozial-liberalen Koalition in Bonn verschlechtern sich. Die gängige Erklärung dieser Schwierigkeiten lautet, die Mehrheitsverhältnisse seien eben so eindeutig, daß man sich härtere Auseinandersetzungen leisten könne, und wo es nicht mehr auf jede Stimme ankomme, könnten sich die Abgeordneten sogar den Luxus erlauben, stärker auf ihr sozialistisches oder liberales Gewissen zu hören.

Drei Jahre nach Gomulka

Polens Wirtschaft hat sich unter Giereks Führung sehr rasch ent- wickelt – aber wird es möglich sein, nach dem Lebensstandard auch die Arbeitsproduktivität und den Export zu erhöhen?

Dokumente der ZEIT – Honecker: Der Status Westberlins

„Heute kann niemand mehr bestreiten: Es existieren und entwickeln sich zwei deutsche Staaten mit unterschiedlicher, ja, gegensätzlicher sozialer Ordnung: auf der einen Seite unsere sozialistische Deutsche Demokratische Republik als unlösbarer Teil der um die mächtige Sowjetunion zusammengeschlossenen sozialistischen Staatengemeinschaft, auf der anderen Seite die kapitalistische BRD, die zur NATO und zur EWG gehört.

Araber drehen am Ölhahn

Die Araberstaaten drosseln die Ölförderung, um die westlichen Industrieländer zu einer anti-israelischen Politik zu zwingen.

Zwei der Tonbänder fehlen

Das Weiße Haus hat im Watergate-Skandal für eine neue Sensation gesorgt: Zwei der neun laut Gerichtsbeschluß herauszugebenden Tonbänder existieren nach amtlichen Angaben nicht: die Aufzeichnung eines Telephongesprächs zwischen Präsident Nixon und dem damaligen Justizminister Mitchell vom 20.

Truppenabbau: Positionen konträr

Die programmatischen Reden zur Eröffnung der Wiener Konferenz über Truppenabbau in Europa zeigten in der vergangenen Woche ebenso gegensätzliche Zielvorstellungen wie am Ende der Vorgespräche vor vier Monaten.

Berlin-Frage: Teilerfolg Scheels

In der Frage der konsularischen Vertretung Westberlins hat Bundesaußenminister Scheel in der vorigen Woche in Moskau einen Kompromiß erzielt.

Mitbestimmung: Katzers Triumph

Nach dem aufsehenerregenden Erfolg der CDU-Sozialausschüsse unter Hans Katzer in der Mitbestimmungsfrage hat der CDU-Vorsitzende Kohl neue innerparteiliche Gespräche angekündigt.

DKP: Neuer Vorsitzender

Der dritte DKP-Parteitag hat am Wochenende den 44jährigen, in Moskau ausgebildeten Funktionär und Volkswirt Herbert Mies ohne Gegenstimmen zum neuen Vorsitzenden gewählt.

Erneuerung von unten

Bülent Ecevit, der designierte Ministerpräsident der Türkei, muß sich im Widerspruch behaupten: Er ist Vorsitzender der traditionsreichen, vom Schatten Kemal Atatürks überlagerten Republikanischen Volkspartei (MHP) – aber außer dem Namen hat diese Partei mit Atatürks alter Partei nicht mehr viel gemein.

Konferenz in Wien: Suche nach der Abrüstungsformel

Militärische Entspannung ist die Konsequenz politischer Entspannung. Die Konsolidierung des territorialen Status quo in Mitteleuropa und der Verzicht auf Gewalt in den zwischenstaatlichen Beziehungen haben es möglich gemacht, daß jetzt über die Reduzierung von Streitkräften und Rüstungen gesprochen werden kann.

Verhandlungen über Truppenabbau: Panzer gegen Atomwaffen

Die Konferenz ohne Namen zu Wien ist eröffnet. Mit der Spitzfindigkeit von Patentanwälten, die Abänderungen bekannter Techniken als neue Erfindungen zu beschreiben suchen, haben die Unterhändler von 19 Staaten „die Jahrhundertverhandlung“ über Truppenabbau in Mitteleuropa aufgenommen.

Der Soziologe Helmut Schelsky fürchtet, daß unsere Demokratie über eine zunehmende Politisierung des Wahlvolkes und die Polarisierung der Parteien in eine Autoritätskrise gerät. Am Ende stünde dann, so meint er, eine neue Diktatur. Richard Löwenthal, Professor für politische Wissenschaften in Berlin, analysiert Schelskys Manifest und stellt im zweiten Teil seiner Untersuchung die Frage: Wie funktioniert eine aktive Demokratie?: Die Utopie der Konservativen

Die Gefahr für die Freiheit des einzelnen, die Professor Helmut Schelsky in einer Ausweitung der Demokratie sieht, beruht nicht nur auf ihrer Ausdehnung auf neue gesellschaftliche Bereiche: Auch die Aktivierung immer breiterer Wählerschichten, die von anderen Kommentatoren begrüßt wird, erfüllt ihn mit Sorge, denn sie zwinge alle Parteien zu einer Simplifizierung, Emotionalisierung und Personalisierung der Argumente und gehe daher notwendig mit einem Verlust an Rationalität im politischen Entscheidungsprozeß und mit einer Verschärfung der Konflikte bis zur völligen Polarisierung einher.

SPD in Bremen: Stumm vor dem Publikum

Um ein Haar wäre der Halbzeitparteitag der Bremer SPD erstickt. Vorausgegangene Flügelkämpfe verstörten sonst diskutierfreudige Genossen.

Flughafen Stuttgart: Schwäbische Bescheidung

Die Schwaben sind ein bescheidener Volksstamm geworden. Seit sich ihr Graf Eberhardt im Barte im ausgehenden Mittelalter ein Ländle zusammengehamstert hat, das sich später sogar zum Königreich eignen sollte, bestellten sie friedlich ihr Hauswesen und hielten sich – von Austerlitz bis Sedan – bei Welthändeln tunlichst zurück.

Lokalzeit: Duftendes Gebirge

In Europas größtem FKK-Freizeit- und Sportpark in Misburg bei Hannover werden in kommenden Jahren Hunderte von Familien, die sich in paradiesischem Zustand am Wochenende erholen, an warmen Sonnentagen schnuppernd ihre Nasen gen Westen richten, um zu prüfen, ob ihnen ihr textilfreies Hobby durch eine Geißel der Zivilisation vermiest wird.

CDU in Nordrhein-Westfalen: Sieg der Parität

Sichtlich erleichtert verließ Heinrich Köppler den rheinischen CDU-Parteitag, nachdem ihm Späher aus Dortmund vom dortigen Kongreß der westfälischen Union die überraschende Übereinstimmung beider Regionalverbände in der Mitbestimmungsfrage signalisiert hatten.

Mit dem bloßen Schreiben ist es für viele Autoren nicht mehr getan: Direkt vom Erzeuger

Ein reichliches halbes Jahrzehnt ist es inzwischen her, daß sich die uralte Verärgerung der Schriftsteller über Verleger, die ihre Manuskripte mißhandeln und ihre Bücher zu lasch verkaufen, über Kritiker, die ihre Absichten aufs hirnverbrannteste verkennen – daß sich dieser über Generationen hin vererbte Groll vereinte mit der sozialistischen Forderung, die Produktionsmittel gehörten in die Hände der Produzenten.

Die neuen Richtlinien für den Politikunterricht – gesichtet, verglichen, gewertet: Bilder vom Bürger

Die Bundesländer reformieren den politischen Unterricht in den Schulen. Mehrere Entwürfe liegen bereits vor – Richtlinien, Rahmenrichtlinien, Lehrpläne; Schriften für die Gesellschaftslehre, die Gemeinschaftskunde, den politischen Unterricht, die Sozialkunde; für Haupt- und Realschulen, für Gymnasien, Studienstufen, Sekundarstufen; umfangreiche Bände und dünne Hefte, alle verschieden gegliedert und in je eigener Sprache verfaßt.

Zeitmosaik

Allende war Arzt, mit allen Eigenschaften eines Bürgers. Er liebte die Frauen, er hatte Sinn für Humor, er legte wert darauf, sich an die Verfassung zu halten.

Filmtips

„Tout va bien“ von Jean-Luc Godard und Jean-Pierre Gorin. Ein Werbefilmregisseur (Yves Montand) und seine Frau, eine amerikanische Journalistin (Jane Fonda), geraten in eine Fabrikbesetzung und später in eine private Krise.

Film: Peckinpah und Altman: Amerikas letzte Helden

Bilder von satter Schwermut: Silhouetten im Wasser, ferne Reiter am Horizont, der Dämmerung entgegen. Die naive Poesie der Gemälde von Remington und Catlin wird evoziert, der atemberaubende Lyrismus der schönen alten • Western, als die Guten noch gut und die Bösen noch böse waren.

Die neue Schallplatte

Eine legendäre Aufnahme (März 1956, monaural), jetzt neu zum Billigpreis. Mozart aus dem Geist von Tröstung und Ewiger Ruhe, nicht mit der Gewalt eines dies irae, ein bißchen Irritation gerade noch vor dem doch nicht ganz so leichten Sterben.

Kunstkalender

Millionär muß man sein oder aber Museumsrestaurator, ein Peter Ludwig oder ein Wolfgang Hahn, wenn man als Sammler vorankommen will.

Querelen um die Deutsche Schule in Rom: Bürokraten im Elitegetto

Aus dem Dunstkreis eines ungelüfteten Nationalbewußtseins sind letztens widersprüchlichste Kassandrarufe laut geworden. Da unkte in der "Welt am Sonntag" Herr von Studnitz, die auswärtige Kulturpolitik Bonns führe in den deutschen Auslandsschulen – wie das Beispiel in Rom zeige – zur "Liquidierung eines weiteren Stücks deutscher Kultur durch Leistungsabbau und Verfremdung".

Berliner Jazztage 1973: Tip aus New York

In der Philharmonie, mitten unter Musikern, Photographen und Kameraleuten, Fernsehgewaltigen und Neugierigen hockte, auf einem Orgelbänkchen, George Gruntz, seit Joachim Ernst Berendts Rücktritt der neue Leiter der Berliner Jazztage.

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