Von Georg Picht

Kein politisches Ziel rechtfertigt die Gewalt, kein Nationalismus, kein Klassenkampf, keine koloniale (Auseinandersetzung) oder Rassenauseinandersetzung, weder Utopie noch Ideologie.“ Dies erklärte der Außenminister der Bundesrepublik bei der Aufnahme der zwei deutschen Staaten in die Vereinten Nationen. Die Gewalt, die er verurteilt, beherrscht die Welt. Der Krieg im Vorderen Orient und der blutige Militärputsch gegen die Regierung Allende, die grausame Fortsetzung des Krieges in Südostasien, der portugiesische Kolonialkrieg und der Bürgerkrieg in Irland, das Wettrüsten der großen Mächte und die Expansion des Waffenhandels beleuchten grell die politische Landschaft, in der diese Worte gesprochen wurden.

Guerrillakämpfe, Sabotageakte, Flugzeugentführungen und Gewalttaten jeder Art sind zu alltäglichen Erscheinungen geworden. Folterungen und Exekutionen, Mißachtung der Justiz und Unterdrückung von Intellektuellen, Ausbeutung von Schwachen, Verletzung der Menschenrechte und Rassenverfolgung gehören in weiten Teilen der Erde zur „normalen“ Regierungspraxis – einer Praxis, die das Prestige und die Bündnisfähigkeit der Staaten, in denen sie geübt wird, kaum beschädigt. Trotz der erfolgreichen Einschaltung des Weltsicherheitsrates im Nahost-Konflikt sind die Adressaten jener Erklärung, die Vereinten Nationen, in Gefahr, zum Symbol der Ohnmacht der Friedensidee zu werden. Es gibt keine Intervention, keine Aggression und keine Gewalttat, die in dieser Institution nicht ihren Fürsprecher fände.

Inmitten dieser friedlosen Welt hat die Bundesregierung den Mut besessen, gegen die Tendenzen der Zeit und unter harten Opfern den Gewaltverzicht zur beherrschenden Maxime ihrer Politik zu machen. In unserem Land ist Friedenspolitik nicht Utopie, sondern eine praktizierende Realität, die bei den letzten Bundestagswahlen auf eindrucksvolle Weise bestätigt wurde. Durchhalten läßt sich die Friedenspolitik aber nur, wenn sie sich in Zukunft quer durch die Parteien auf eine zuverlässige Mehrheit stützen kann. Sie steht und fällt mit der politischen Mündigkeit der Bürger dieses von außen und von innen vielfältig bedrohten Staates. Deshalb hängt die Kontinuität unserer Staatsordnung auch davon ab, ob wir die Frage: „Ist Erziehung zum Frieden möglich?“ positiv beantworten können.

Erziehung zum Frieden erscheint auch heute noch als problematisch; aber wir wissen: Erziehung zur Gewalt, zur Aggression, zum Haß und schließlich auch zum Krieg ist möglich. Ich habe zwölf Jahre meiner Jugend in einem Staat verbracht, der seine riesige Propagandamaschine, sein Erziehungswesen und die gesamte Arbeit der Parteiorganisation in den Dienst des Rassenhasses, der Völkerverhetzung und des nationalistischen Fanatismus gestellt hat. Diese Erziehung hatte Erfolg. Sie stürzte die Welt in einen der furchtbarsten Vernichtungskriege der bisherigen Geschichte. Und auch das Ergebnis des Krieges war noch ihr Erfolg, denn es ist das Grundprinzip der Erziehung zur Gewalt, daß die Vernichtung der Feinde erst in der Selbstvernichtung ihre Grenze findet. Erziehung gegen den Frieden ist also möglich. Ist auch Erziehung zum Frieden möglich?

Das Wichtigste, was sich aus der nationalsozialistischen Erziehung lernen ließ, haben die Deutschen bis heute nicht begriffen. Es konnte den Nationalsozialisten nur deshalb gelingen, in kürzester Frist die konservativen und liberalen Erziehungsinstitutionen niederzuwalzen, weil auch das Erziehungs- und Bildungswesen in den Strudel einer politischen Dynamik geriet, die das ganze Volk ergriffen hatte. Unter dem Anprall der politischen Macht brachen die unpolitischen oder antipolitischen Idyllen deutscher Erziehungsprogrammatik um so hilfloser zusammen, als niemand gelernt hatte, politischen Gewalten mit kritischem Urteil zu begegnen. Da man die politische Relevanz erzieherischer Institutionen nicht wahrhaben wollte, wurden sie politisch sturmreif.

Jede Form von Erziehung, auch die, die sich unpolitisch gibt, spiegelt jene politischen Tendenzen, die den Erziehungsraum gestalten. Im Humus einer Politik der Gewalt gedeiht Erziehung zum Krieg und zur Aggression. Erziehung zum Frieden wird nur möglich sein, wenn die Maximen der Friedenspolitik nicht nur die internationalen Beziehungen unseres Staates, sondern auch die Gestaltung seiner inneren Verhältnisse und speziell die Bildungspolitik bestimmen.