Mainz

Seit Helmut Kohl zum Bundesvorsitzenden der CDU gewählt ist, wird gerätselt, wer sein Nachfolger in Rheinland-Pfalz werden könnte. Im Kandidatenkarussell sitzen derzeit vier Minister aus dem Kabinett Kohl: Kultusminister Bernhard Vogel, Sozialminister Heinrich Geißler, Finanzminister Johann Wilhelm Gaddum und Landwirtschaftsminister Otto Meyer. „An fähigen Kandidaten haben wir ja wohl keinen Mangel“, meint denn auch der Pressesprecher der CDU-Fraktion, Engelbert Sauter, selbstbewußt.

Bernhard Vogel ist seit nunmehr sechseinhalb Jahren Kultusminister in Mainz. Mit jetzt 40 Jahren ist er noch immer der Benjamin im Kabinett, zugleich aber – zusammen mit seinem Konkurrenten Geißler – der dienstälteste Minister. Ihm billigt man zur Zeit die meisten Chancen zu. Als Vorsitzender des größten Bezirks Rheinhessen-Pfalz hat er eine starke Hausmacht hinter sich. Wie populär er beim Parteivolk ist, bewies 1970 eine Vorwahlabstimmung unter Parteimitgliedern zur Landtagswahl: Vogel erhielt mehr Stimmen als Kohl.

Heinrich Geißler, 43 Jahre, auf dem linken Flügel der Partei angesiedelt, gilt als kämpferischer Politiker, der hart im Geben und im Nehmen ist („Cassius Clay aus Mainz“). Gesetzentwürfe eines Hauses hat er oft gegen den entschiedenen Widerstand der eigenen Fraktion und des Kabinetts durchgeboxt.

Johann Wilhelm Gaddum wird manchmal „der Stern im Kabinett“ genannt. Seine große Sachkenntnis hat ihm bei der Opposition in Mainz genauso zu Ansehen verholfen wie im eigenen Lager. Gaddum folgte Kohl im Fraktionsvorsitz nach. Gerade weil ihm wenig Chancen für den Landesvorsitz zugebilligt wurden, galt er lange als Geheimtip, jetzt steigen seine Chancen. Otto Meyer, 52 Jahre, der Vertreter Kohls im Kabinett, versicherte vor Jahresfrist Journalisten, er habe „absolut kein Interesse“, Ministerpräsident zu werden. Unter den Mainzer Kabinettsmitgliedern ist er wohl der einzige, der als eine Art „Goppel von Rheinland-Pfalz“ die Rolle des Landesvaters übernehmen könnte, eine Rolle, die Kohl nie angestrebt hat. Kohl selbst hat offenbar keine Eile, einen Kronprinzen in Mainz zu küren, und der rheinland-pfälzische CDU-Parteitag in Lahnstein Ende August folgte seinem Beispiel. Erst ein Parteitag im Frühjahr 1974 soll den neuen Landesvorsitzenden wählen.

Umstritten ist in der Mainzer CDU allerdings, ob man nur den Landesvorsitzenden wählen oder den neuen Landesvorsitzenden gleich zum künftigen Ministerpräsidenten designieren soll. Die Gruppe um Kohl bevorzugt die Lösung „oben ohne“; sie will die Frage offenlassen, wer Ministerpräsidentskandidat werden soll.

Die Kohl-Vertrauten glauben nicht, daß der Regierungschef seine Wacht (und Macht) am Rhein schnell aufgeben wird. Dazu müßten drei Ereignisse eintreten: Kohl würde 1975 als Parteivorsitzender wiedergewählt, was jetzt („noch“, sagt man in Mainz) nicht ausgemacht ist. Zweitens müßten sich danach CDU und CSU auf den Kanzlerkandidaten Kohl für die Bundestagswahl 1976 einigen, und drittens müßte die CDU die Wahl gewinnen.

Wenn die CDU 1976 die Bundestagswahl verliert, und bei der CDU in Mainz schätzt man die Chancen für 1976 nicht rosig ein, bleibt Kohl auf jeden Fall Ministerpräsident. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß die Rheinland-Pfälzer ihn 1975 erneut wählen. Und dann, so heißt es weiter, braucht man doch bis 1980 in Rheinland-Pfalz keinen Nachfolger für die Staatskanzlei. Karl-Heinz Baum