Die Analysen der Professoren zur Geldentwertung sind zu fragmentarisch und unausgewogen

Von Karlheinz Kleps

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wird in diesem Jahr zehn Jahre alt Er ist durch ein Gesetz vom 14. August 1963 ins Leben gerufen worden. Seine Aufgaben: „Der Sachverständigenrat soll in seinem Gutachten die jeweilige gesamtwirtschaftliche Lage und deren absehbare Entwicklung darstellen... Fehlentwicklungen und Möglichkeiten zu deren Vermeidung oder deren Beseitigung aufzeigen, jedoch keine Empfehlungen für bestimmte wirtschafts- und sozialpolitische Leistungen aussprechen.“ Rechtzeitig zur Übergabe des nächsten Jahresgutachtens am 20. November 1973 erscheint im Athenäum-Verlag das Buch „Zehn Jahre Sachverständigenrat“. Die ZEIT setzt heute den Vorabdruck von Auszügen aus diesem Buch fort. Professor Karlheinz Kleps von der Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Linz beschäftigt sich in seinem Beitrag kritisch mit den Analysen des Sachverständigenbeirats zum komplexen Thema Inflation.

Während die bisherigen Aussagen der Sachverständigen zum Verhältnis zwischen Geldwertstabilität einerseits sowie Vollbeschäftigung und Wachstum andererseits kaum dazu angetan sind, der von ihnen definierten Zielvorstellung gegenüber der Öffentlichkeit und vor allem gegenüber den wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen die notwendige Überzeugungskraft zu verleihen, erscheinen ihre Feststellungen bezüglich der distributiven Inflationswirkungen ungleich besser fundiert, und zwar in dreifacher Hinsicht:

1. Im Unterschied zu den Beamtenpensionen, die der Einkommensentwicklung im öffentlichen Sektor stets unmittelbar folgen, sind die Renteneinkommen gemäß der seit 1957 geltenden „Dynamisierungsformel“ dem Anstieg der Durchschnittsverdienste aller Versicherten bis Anfang 1972 nur mit Verzögerungen von zwei bis fünf Jahren angepaßt worden. Dabei ist das Ausmaß der Diskriminierung, die schon allein aus solchen Anpassungslagen resultiert, um so größer geworden, je stärker sich im Zeichen des Inflationsprozesses die Bemessungsgrundlage erhöht hat.

Das Resultat: „Seit der Rentenreform, von 1957 bis 1971, stiegen die Löhne je beschäftigten Arbeitnehmer jährlich im Durchschnitt um 5,5 v. H. real; dagegen erhöhten sich die Renten... real nur um 3,5 v. H. jährlich. Sie blieben auch hinter dem Anstieg der Nettolöhne zurück, die real um 4,5 v. H. zunahmen.“ Zu Recht haben die Sachverständigen dazu angemerkt, der Verteilungskampf sei teilweise, nämlich soweit er die Geldentwertung geschürt habe, „auf dem Rücken der schwächsten Schichten der Gesellschaft... ausgetragen worden“.

2. In dem Maße, in dem die Inflationsraten gestiegen sind, ist umgekehrt die Realverzinsung der Geldvermögen zurückgegangen und inzwischen zum Teil sogar negativ geworden. Damit hat sich der Kreis derer, die in den vergangenen Jahren Geldvermögen gebildet haben und nun auf diese nicht minder skandalöse Weise ebenfalls zu den Inflationsgeschädigten zählen, ständig erweitert. Zu den am meisten Betroffenen gehören nach der sicherlich berechtigten Ansicht des Sachverständigenrates die Arbeitnehmer, denn ihr Anteil am gesamten Geldvermögen dürfte aus naheliegenden Gründen ungleich größer sein als ihre Teilhabe am Sachvermögen.