Ein Mädchenbuch ist für Gesellschaftskritiker das bürgerlichste Symbol der Jugendliteratur, einst eine sanfte Schnulze, die den Jungfrauen die Rolle des Weibes schmackhaft zu machen versuchte.

Die allgemeine Jugendliteratur hat diese Grenzen längst überschritten. Kinder- und andere Geschichten sind in allen sozialen Schichten angesiedelt, und ob das geglückt ist oder nicht, steht hier nicht zur Frage. Das Mädchenbuch ist jedoch bis vor kurzem Literatur der höheren Töchter geblieben. Es geht um Akademikerfamilien, künftige Studentinnen, Schauspielerinnen und Ärztinnen, und die Form der Selbstverwirklichung kann frei und nach allen modischen Gesichtspunkten erwogen werden.

In den fünfziger Jahren wurde das fromme Colleg-Leben zwar schon einmal durch die Frage erschüttert: „Bin ich schwanger?“, doch nach den geziemenden Seelenschmerzen stellte sich alles als Irrtum heraus. Trockenschwimmen. Wortgefechte. Später kam zwar Sex ins Spiel, aber Freiheit blieb nur Freiheit, sich zu artikulieren. Das Leben lief weiter in begrüßenswert vorgenormten Bahnen. Echte Freiheit, auch die Verpflichtung zur politischen Entscheidung fand meist nur in historischen Romanen statt, sozusagen durch die Weltgeschichte legitimiert. Mädchenbücher ließen Unangenehmes, Grauen und Grauenhaftes aus.

Das hatte (und hat) zwei gute Gründe: Mädchen lieben sanft verlogene Schnulzen. Erwachsene wollen den Kindern „saubere“ und anständige Bücher schenken, und so treffen sich beide im Käuferwunsch nach der manipulierten und geschönten Wirklichkeit so einstimmig, daß es emanzipierte Mädchenbücher – meist nur von der Kritik enthusiastisch begrüßt – wesentlich schwerer haben.

Wenn es zum Beispiel um Aurora geht – Anne-Cathrin Vestly: „Auroras heimliche Freunde“, aus dem Norwegischen von Margarete Petersen-Heilandt; Cecilie Dressler Verlag, Berlin 1973; 135 S., 10,80 DM

– die im Hochhaus und bei Eltern lebt, welche die übliche geschlechtsbedingte Rollenverteilung aus pragmatischen Gründen längst aufgegeben haben, so muß der trockene Humor ihrer Geschichte mit generationsaltem emotionellen Widerstand gegen diese Situation rechnen. Und so notwendig Geschichten mit dem Entwurf wahrhaft vorurteilsfreier neuer Formen des Zusammenlebens in Wohnmaschinen sind, weil Mädchen an ihnen die eigenen Möglichkeiten messen können: Schnulzen, in denen Mädchen innig zu Männern aufblicken, verkaufen sich leichter.

Bücher, die abermals einen Schritt weiter vom bürgerlichen Milieu in das der Arbeiter und sozial Schlechtgestellten gehen, stoßen in absolutes Neuland. Es ist nicht sicher, ob junge Arbeiterinnen Romane über Arbeiterinnen (in Ungarn stellte sich bei einer Erhebung heraus: nein) oder Mädchenbücher lesen wollen. Es ist weiter nicht sicher, ob sie ihre private und ihre Arbeitswelt so sehen, wie das die meist bürgerlichen und älteren Autorinnen tun. Es ist erst recht nicht sicher, ob selbst problembewußte und sozial interessierte Oberschülerinnen Romane über Arbeiterinnen lesen mögen. Erfolgversprechender scheinen jene Mädchenbücher dieses Genres zu sein, wenn die allgemeinen menschlichen Probleme so stark sind, daß die Geschichte selbst den Leser hält. Das ist zweifellos der Fall.bei